#591 Gelesen: Ehrliches IT-Projektmanagement (klassisch, PMI)

Das Buch Pragmatisches IT-Projektmanagement (PITPM)  (Amazon) von Niklas Spitczok von Brisinski, Guy Vollmer und Ute Weber-Schäfer liegt jetzt ganz frisch in der 2., überarbeiteten Auflage vor. Es ist eines der ehrlichsten PM-Bücher, das genau das einhält, was es verspricht:

  • Klassisches Projektmanagement á la PMI/PMBOK
  • Drastisch abgespeckt mit Fokus auf Softwareentwicklungsprojekte, sogar noch schlanker als in der 1. Auflage.
  • Obwohl es die Prozessdarstellung des PMBOK aufgreift bleibt es ein Praxisbuch (Kompliment für diese gelungene Gradwanderung)!
  • Pragmatisch mit vielen Office-Templates, die unter Creative Commons-Lizenz auch Nicht-Lesern nach Registrierung  auf http://www.pitpm.net/ zur Verfügung stehen

Das sind die starken Seiten des Buches, die  es schon alleine zu einer Kaufempfehlung machen.

An seine Grenzen stößt es da, wo auch der PMBOK an seine Grenzen stößt. Nicht verwunderlich, aber schade.

Ich muss gestehen, dass ich während der Lektüre den PMBOK wieder aus dem Regal gezogen habe und dabei auch die vierte mit der aktuellen fünften Ausgabe verglichen habe. Dort haben im Rahmen der Projektprozesse  auch agile Gedanken (zumindest rudimentär) Einzug erhalten. Im PMBOK werden explizit iterativ, inkremmentelle Projektlebenszyklen und adaptive Projektlebenszyklen unterschieden (damit hat es sich aber schon wieder mit der Agilität).

Im PITPM habe ich den Eindruck das Agilität noch weiter nur auf iteratives Vorgehen reduziert wird. Die mit agilen Methoden einhergehenden strukturellen Änderungen, Rollenänderungen, Rituale und neuen Artefakte bleiben komplett auf der Strecke. „Agilos“ werden als Leser enttäuscht sein. Für euch gilt: Finger weg! Aber wer ein Arbeitsbuch und/oder Vorlagen für „klassisches“ Projektmanagement in der IT sucht, ist genau richtig.

Hier findet man von Anforderungserhebung, Stakeholderanalyse,  Earned Value Analyse, bis hin zu Test und Abnahme das klassische PM-Handwerkszeug. Und zwar nicht overengineert, sondern bewusst pragmatisch. Aber das hat uns ja der Titel auch versprochen. Und was er verspricht, das hält er auch.

Niklas Spitczok von Brisinski, Guy Vollmer, Ute Weber-Schäfer: Prgamatisches IT-Projektmanagement. Softwareentwicklungsprojekte auf Basis des PMBOK Guide führen, 2. überarbeitete und aktualisierte Auflage, dpunkt.verlag, Heidelberg 2014

#590 ADAC, GPM & Co


Nein, hier soll niemanden kriminelles Handeln unterstellt werden.

Und nochmals nein, wenn hier GPM steht, könnte hier genau so gut auch PMI stehen.

Worauf ich hinaus will ist, dass Verbände wie PMI und GPM sich in genau dem gleichen Dilemma befinden, das der ADAC aktuell auszubaden hat: Die Vermischung von kommerziellem und nicht-kommerziellen Interessen.

GPM & Co stehen nicht im Verdacht solcher Verfehlungen, wie sie beim ADAC gerade publik werden (Manipulation, Lobbyismus und persönlicher Missbrauch von Vereinsvermögen). Aber den Pfad der Gemeinnützigkeit haben sie bereits ein gutes Stück verlassen. Oder wussten Sie schon, dass der GPM-Mitgliedsbeitrag anteilig mehrwertsteuerpflichitg ist, weil der Wirtschaftsbetrieb bereits eine relevante Rolle einnimmt?

Verbände verlieren ihren Anspruch auf Unabhängigkeit, je mehr sie sich in kommerzielle Gefilde begeben. Die Kritik an den Projektmanagement-Verbänden hat unter anderem zur Gründung des openPM e.V. geführt, der versucht genau dieser Versuchung zu widerstehen. Aber die bekannten Verbände sind leider in guter Gesellschaft, wenn sie „Herrschaftswissen“ z.B. in Form des Zertifizierungs-Business kommerzialisieren. Nichts gegen die Definition von Standards und auch nichts gegen die Zertifizierung von Standards, aber wenn dabei die Kommerzialisierung überhand nimmt, dann ist das durchaus vergleichbar damit, wenn der ADAC mit seinen gelben Engeln Autobatterien gegen Provision verkauft.

Leider befinden sich die Verbände seit Jahr und Tag in schlechter Gesellschaft, denn auch ISO-Normen werden als Herrschaftswissen gegen teures Geld verhökert (einen lieben Gruß an den Beuth-Verlag). Dabei verliert jede Norm ihren Anspruch darauf Standard zu sein, wenn sie nicht transparent und öffentlich verfügbar ist. Nicht weil ihre Erarbeitung nichts kostet, aber nur wenn sie transparent sind, sind sie überprüfbar. Und nur die Überprüfbarkeit rechtfertigt ihren Geltungsanspruch!

Es ist vollkommen legitim Wissen gegen Entgelt zu verkaufen, aber wer dieses Wissen gleichzeitig zu einem allgemeinen Standard erhebt ist schlichtweg ein Pharisäer!

Bildquelle: michieldijcks (CC BY 2.0)
http://www.flickr.com/photos/michieldijcks/2966084193/

#589 Projekt oder Prozess?

Auf openPM habe ich gerade eine neue Diskussion ins Leben gerufen, die versucht den Projektbegriff zu schärfen.

Ist es nicht so, dass der Projektbegriff immer inflationärer gebraucht wird und eine „Projekttitis“ um sich greift? Der größte Schwachsinn wird als Projekt betrieben, aber „echte“ Projekte werden als U-Boot gefahren?

Aber jenseits aller Polemik: Wenn man Projekten von Prozessen (und Prozesse sind ganz sicher kein Schwachsinn) abgrenzt, dann stellt sich die Frage nach der Einmaligkeit des Unterfangens. Oder die Frage, ob es sich eher um eine Optimierungs- oder eine Problemlösungsaufgabenstellung handelt. Und um gleich ein neues Fass aufzumachen: Vernachlässigen agile Ansätze mit ihren iterativen Annäherungen nicht mitunter komplexe mitunter auch sequentielle Zusammenhänge?

Bitte mitdiskutieren auf openPM!

#588 Und noch mehr Canvas…

Scrum-Guru Roman Pilcher hat einen eigenen Product-Canvas entwickelt, der sich nahtlos in agile Projekt- und Softwareentwicklungsmethodik einfügt.

Es lässt sich sicherlich darüber streiten, ob eine Cloud-Lösung das geeignete Medium für ein Canvas ist, aber der Canvanizer bietet eine ganze Reihe von Canvas (kostenlos) an, die man mit anderen teilen und weiterentwickeln kann. Zumindest zum „Spielen“ und kennenlernen der verschiedenen Canvas ein hervorragendes Angebot:

Business Canvas

  • Business Model Generation Canvas (der Klassiker von Alex Osterwalder & Co)
  • Lean Canvas, eine etwas schlankere Adaption
  • Lean Change Canvas fokusiert auf organisatorische Veränderungen
  • Feedback Canvas, eine Tafel um positives und negatives Feedback, sowie Vorschläge einzusammeln
  • Die SWOT-Analyse  – leider reduziert auf eine vier Felder-Matrix. Ich mag diese Darstellung gar nicht du bevorzuge die differenziertere Variante, wie sie auch auf openPM beschrieben ist. 
  • Open Innovation Canvas, rückt die Innovation im Vergleich zur Gecshäftsidee in den Vordergrund
  • Canvas4Change, betrachtet die Voraussetzungen, den Wandel selbst und die Implementierung

Service Design

Projektmanagement

#587 it security canvas

Und noch ein Canvas… Nachdem der visualPM schon beim openPM-Canvas seiner Leidenschaft für die Visualisierung komplexer Themen nachgegangen ist, experimentiert er gerade wieder mit einer neuem Canvas: Einem it-security-canvas.

Dieser Canvas ordnet die Rubriken der ISO 27001:2013 (Wikipedia)  um ein stilisiertes System-Use-Case-Diagramm und erlaubt so auch eine visuelle Darstellung und Verknüpfung von IT-Security-Themen. Storytelling wird so auch für abstrakte Themen, wie IT-Sicherheit möglich. In einem ersten Anwendungsfall, habe ich versucht Defizite und Handlungsbedarfe im Vertrag mit einem IT-Service-Provider transparent herauszuarbeiten. Ich kann mir auch vorstellen den Canvas in verschiedenen Versionen als Poster weiter zu entwickeln, um Risks, Threats und Controls der relevanten Gebiete darzustellen.

Wer auch mit der it security canvas experimentieren will, ist hierzu herzlich eingeladen. Vorlagen gibt es in A0, A3 und A4 als pdf-download:

Kommentare als Feeback sind herzlich willkommen!

#586 Der VisualPM und Design Thinking

Wenn man sich mit Design Thinking beschäftigt landet man immer wieder bei best practices von ideo und dem Design Thinking Prozess des Hasso-Plattner-Instituts. Ansonsten scheint Design Thinking cool zu sein, Lego spielen und so gehört irgendwie dazu. Design Thinking (Wikipedia, Gründerszene) ist Prototypen orientiert (also ein inkremmenteller Prozess), der sich an Design Prozessen orientiert. Visualisierungen und die Nutzung des Raums spielen eine große Rolle. Achso, ja, das Stichwort multidisziplinär hat noch gefehlt.

Um mich näher mit Design Thinking zu beschäftigen war meine Vor-Weihnachtslektüre Tim Browns „Change by Design(Amazon). Um ehrlich zu sein: Ich habe mich furchtbar gelangweilt. Ideo hier, Ideo da. Lauter Success Stories, zu wenig Querverweise und Referenzen auf Quellen/ähnliche Ansätze/Alternativen, dabei war doch substantiell kaum etwas neu. Alter Wein in neuen Schläuchen?

Vielleicht ist diese Wahrnehmung viel zu subjektiv. Ich mag keine Hypes (und aktuell gibt es sehr wohl einen Hype um Design Thinking) und als VisualPM bin ich einigen Gedanken des Design Thinking viel zu nahe, um die erhofften neuen Impulse zu finden. Ja, ich bin fast mein gesamtes Berufsleben im Projektmanagement unterwegs: Multidisziplinarität, Changemanagement, iteratives Vorgehen, etc. ist alles nicht neu. Visualisierungen, visuelles Denken, laterales Denken gehören zum Handwerkszeug kreativer Problemlösung.

Mal schauen, wie sich der VisualPM noch weiter mit Design Thinking auseinandersetzt…

Frohe Weihnachten!

Ich wünsche allen Lesern des schlossBlog frohe Weihnachten und einen guten Rutsch!
Viele neue Ideen und Beiträge warten in der Schublade auf Vollendung, aber es geht ja hier und auf openPM auch im neuen Jahr weiter und vielleicht folgt schon zwischen den Feiertagen der eine oder andere Post.

#585 openPM und die PM-Camps

Vor gut einer Woche ging die Mutter aller PM-Camps wieder zu Ende: Das PM-Camp 2013 in Dornbirn. Erfolgreich und spannend wie immer. Mittlerweile ist auch die Sessiondoku auf openPM weit fortgeschritten. Highlights waren u.a. sicherlich die Impulsvorträge von Frank Blome und Jörg Schindler, aber das PM-Camp lebt von der Begegnung auf Augenhöhe und die passiert in den einzelnen Session, beim Check-In, auf der Abendveranstaltung oder auf einen Kaffee am Rand.

Mittlerweile ist das PM-Camp schon fast so etwas wie ein Klassentreffen und ja, selbst einen PM-Camp-Tourismus scheint es zu geben, sowohl bei den Themen als auch bei den Teilnehmern. Und die PM-Camp-Bewegung mit ihren regionalen Ablegern (diese Jahr u.a. in Stuttgart, Wien, Rhein-Main und Berlin), demnächst in Zürich und dann wieder in Stuttgart, vielleicht auch schon bald in München und Barcelona, wächst weiter.

openPM und PM-Camp sind eng miteinander verwachsen: Personell und ideel. openPM wurde auf dem allerersten PM-Camp ins Leben gerufen und wie man sich gegenseitig ergänzt zeigen nicht nur die Sessiondokumentationen im Wiki. Nachdem die PM-Camp-Bewegung keine eigene Trägerschaft hat und hinter openPM bereits ein gemeinnütziger Verein steht, wollen wir auch die PM-Camp-Bewegung gemeinsam weiter bringen. Ich freue mich schon auf die Klausurtagung Anfang kommenden Jahres – auch das wird wieder ein Klassentreffen!

#584 TurnaroundPM (2)

An dieser Stelle KEINE Leseempfehlung, denn man kann mir Befangenheit unterstellen. Gerade frisch erschienen ist das Buchprojekt „TurnaroundPM(Amazon) von Roger Dannenhauer, Torsten J. Koerting und Michael Merkwitza. Es ist ein ganz besonderes Buch, dass dem VisualPM gefällt, aber sicher nicht jedermanns Geschmack trifft (siehe Thomas Mathoi´s Rezension).

Meine Befangenheit bitte ich zu entschuldigen, aber nachdem mich die drei Autoren zum Kreis ihrer Co-Autoren zählen (ich würde uns aber eher als Impulsgeber und Sparring-Partner bezeichnen), will ich mich in Zurückhaltung üben.

Das Buch ist zweifelsohne ein Hingucker, das inspiriert – auch wenn es beispielsweise Thomas etwas „too much“ ist. Bemerkenswert ist vor allem seine Entstehungsgeschichte, die das Modell des Buchprojekts „Business Modell Generation(Amazon) von Alex Osterwalder auf das Thema Projektmanagement überträgt. Die Autoren haben dabei eigens in einem Internet-Hub und zahlreichen Workshops versucht nicht im eigenen Saft zu schmoren, sondern kolloborative Prozesse zu nutzen, um  zum Ziel zu kommen.  Für jemanden wie mich, der ebenfalls mit kolloborativen Prozessen (z.B. auf openPM experimentiert) und sich mit ähnlichen Inhalten auseinandersetzt (der zentrale Project Square des Turnaround-Hubs entstand parallel zum openPM-Canvas und die beiden Konzepte sind keine Konkurrenten, sondern basieren auf ähnlichen Ideen und wir haben sie gemeinschaftlich diskutiert und unsere Erfahrungen ausgetauscht) ein sehr spannendes Unterfangen.

Zu den Inhalten des TurnaroundPM:

TurnaroundPM beschäftigt sich mit Projekten, die zu Scheitern drohen und versucht aufzuzeigen, wie man (u.a. mit der richtigen Geisteshaltung) sich solchen Projekten nähern kann. Zentrales Werkzeug dafür ist der Project Square – ein PM-Canvas –  die visuelle Reduktion eines Projektes auf seine elementaren Bestandteile.

Der Turnaround-Prozess selbst wird in verschiedene Phasen gegliedert:

  1. Erkennen
  2. Analyse
  3. Stabilisierung
  4. Transformation
  5. Nachhaltigkeit

Viel mehr sei an dieser Stelle nicht verraten – wie gesagt: ich bin befangen – aber vielleicht konnte ich etwas die Neugier wecken.

Weiterführende Links:

#583 Von Steve lernen…

Ich lese gerade Steve Jobs Biographie (Amazon) und fühle mich bei der Beschreibung von Jobs Reality Distortion Field (RDF) an die Diskussion über Großprojekte erinnert. Was im Apple Jargon ironisch als RDF bezeichnet wurde, war ein Wesenszug Jobs dem mitunter eine Wahrnehmungsverzerrung unterstellt wurde, in der er nur mehr eine – nämlich seine eigene – „Realität“ wahrnahm und nichts darüber hinaus gelten ließ. Völlig unrealistische Kosten- und Terminaussagen werden einem Visionär wie Jobs aber offenbar verziehen. Und solche gibt es auch in der Apple Historie zuhauf.

Leider besitzen auch viele (Groß-)Projekte eine Art Reality Distortion Field. Und dennoch machen wir es uns bei der Kritik an Großprojekten zu einfach: Der BER von heute hat (fast) nichts mit dem ursprünglich geplanten BER gemein. Umso schwieriger und unsinniger ist ein Vergleich von Termin und Kosten. Das befreit die Politik nicht von ihrer Verantwortung. Auch Wowi & Co müssen sich für ihr persönliches Reality Distortion Field rechtfertigen, aber das ist eine andere Geschichte.



bernhardschloss.de