Gelesen: Elche fangen…

Im Frühjahr habe ich Christa Weßel am Rande einer Veranstaltung der Gesellschaft für Informatik in Frankfurt kennengelernt. Und als „die Autoren“ sind wir dann wie Waldorf aund Settler in den Vorträgen gesessen und haben sie wechselseitig kommentiert. Ja, wir hatten Spaß.

Ihre Bücher kannte ich bis dahin noch nicht und hatte auf der Veranstaltung auch nicht mehr Zeit als für einen ersten Blick. In der Folge habe ich aber die ausführliche Lektüre nachgeholt. Es hat sich gelohnt. Christa Weßels Reihe „Elche fangen… Basiswissen für Berater und Führungskräfte“ ist hervorragend. So etwas hätte ich mir vor 20 Jahren zu lesen gewünscht, dann hätte ich mir nicht so viel autodidaktisch beibringen müssen.

Nein, ich gehöre wahrscheinlich nicht zur Zielgruppe, aber die Lektüre hat sich trotzdem gelohnt, zum einen als Reflexion (mit dem beruhigenden Ergebnis, dass ich doch nicht so viel falsch gemacht habe) und zum anderen bereichert um eine alternative Perspektive von einer Autorin, die nicht klassisch dem Sumpf aus BWL und IT entstiegen ist, sondern ihre eigene Geschichte mit Wurzeln aus der Medizin mitbringt. Demzufolge gibt es auch erfrischend „andere“ Beispiele.

Zunächst zu den Elchen:

Die Elche von denen Christa Weßel durchgehend spricht, sind die Tabuthemen unseres sozioökonomischen Kosmos, um die wir uns winden wie ein Aal:

  • Macht
  • Karriere
  • Beziehungen
  • Fehler

Und mit all diesen Elchen werden wir im Beratungsgeschäft oder als Führungskräfte konfrontiert.

Was Beraten überhaupt heißt, darum geht es in Band 1.

In Band 2 geht es um die Menschen… und um Kommunikation. Christa Weßel rät: Greifen wir zum Äußersten – reden wir miteinander.

Band 3 referenziert auf ausgewählte Werkzeuge.

Und in Band 4 (Entdecken) geht es um Beobachtungen, Interviews und Fragebögen – mein persönliches Highlight in der Reihe, aber nur deshalb, weil mir die Inhalte von Band 1-3 schon selbstverständlich in Fleisch und Blut übergegangen sind. Sie haben mich nicht wirklich überrascht, sind aber ein solides und kompaktes Kompendium. Mit dem empirischen Werkzeugen für das Feld hingegen hatte ich in meiner eigenen Laufbahn noch nicht so viele Begegnungspunkte, umso anregender und lehrreicher war hier die Lektüre für mich.

Neben dem Praxiswissen liefert die Autorin auch zahlreiche Beispiele und eine ganze Reihe wertvoller Reflexionen.

Die Grafiken in der Reihe sind… mutig.
Minimalistisch reduziert Christa Wessel die Darstellungen auf handschriftliche Bleistiftzeichnungen. In unserer medialen Welt ungewöhnlich, aber vollkommen ausreichend,  da die Inhalte auf ihre Essenz reduziert werden. Die eine oder andere ist aber aufgrund des schwachen Bleistift-Kontrasts nicht ganz einfach zu lesen.

Inhaltlich bleibt mit kaum eine Kritik an der Reihe. Persönlich gefällt mir nicht, wie sie die Boston-Consulting-Matrix mit der SWOT-Matrix kombiniert. Pareto und ABC-Analyse beruhen zwar auf ähnlichen Ideen, deren Kombination ist zwar Praxis-tauglich, aber dass es sich um unabhängige Konzepte handelt geht etwas unter. Bei den Mindmaps hätte ich mir noch einen Hinweis auf elektronische Mindmaps gewünscht (aber wahrscheinlich nur, weil ich die selber so mag). Und bei Entscheidungsmatrizen hätte ich gerade, weil ich die Autorin kennen lernen durfte, ein paar kritischere Worte erwartet. Diese Aufzählung kommt mir beim Schreiben selber kleinkariert vor und sie täuscht über meinen Gesamteindruck etwas hinweg – der ist nämlich hervorragend. Sogar so gut, dass ich bereits ihre neues Buch über die akademische Lehre, was eigentlich nicht ganz so in mein Metier fällt, vorbestellt habe.

Und statt bibliographischer Angaben hier der Link zum Shop des Weidenborn-Verlags.

PVM2019 – Canvas to go

Auf der diesjährigen PVM  der Gesellschaft für Informatik in Lörrach darf/durfte ich über Canvas als Facilitation-Technik (um genauer zu sein als Visual Faciliation Technik) referieren.

Die wichtigsten Infos und Referenzen zum Kompaktbriefing gibt es hier:

Die Canvas Idee

Canvas ist der englische Begriff für Leinwand.

Canvas als „Methode“  ist eine Facilitation-Technik bei der es darum geht eine Idee, ein Thema oder ein Konzept auf eine „Leinwand“ zu projizieren. Im Falle der Canvas-Methode nutzt man nun nicht eine leere Leinwand, sondern eine Leinwand mit Hilfslinien und Feldern.

Facilitation-Techniken sind Schlüsseltechniken, die Moderatoren benutzen um Teams und Einzelpersonen zu helfen Aktivitäten und Meetings ergebnisorientiert voranzutreiben.

Prominentester Vertreter ist der Business Modell Canvas von Osterwalder/Pigneur, der der Darstellung/Entwicklung eines Geschäftsmodells dient. Dieser entstand im Rahmen einer Online-Community und wurde mit dem Buch „Business Model Generation“ bekannt.

 

Canvas Beispiele

Eine Sammlung von Beispielen zum Thema Canvas findet sich z.B. auf openPM.

 

Zusammenspiel

Das folgende Bild zeigt ein mögliches Zusammenspiel von Business Model Canvas, Value Proposition Canvas, System Footprint und Projekt Canvas.

Einsatzmöglichkeiten & Grenzen

Der Einsatz eines Canvas macht Sinn da, wo wir Facilitation benötigen. Wo wir die Gruppe benötigen, gleiches Verständnis und Commitment brauchen.

Ein Canvas ist nur eine grobe Darstellung. Vielleicht braucht es punktuell Ausarbeitung und Detaillierung.

Aber bei aller Unschärfe – das Grundkonzept ist klar.

Ein Canvas will insofern auch keine anderen Artefakte ersetzen, weil es gar nicht um das fertige Bild am Ende geht, sondern viel mehr um den Entwicklungsprozess und seine Moderation.

Wenn wir diesen Entwicklungs- und Moderationsgedanken verfolgen, dann ist klar, dass es auch nicht um das Ausfüllen eines Formulars geht.

Einen Canvas wie ein Formular zu bearbeiten ist wie Kochen mit Tütensuppen (Referenz an Tim Themann – Den Computermaler).

Ein Canvas dient uns als Projektionsfläche. Das Schema stellt nur Hilfslinien dar. Ein Maler hat die Freiheit sich über Hilfslinien hinwegzusetzen und sie zu übermalen.

Der agile Management-Theoretiker Jurgen Appelo hat in seinem neuen Buch vorgeschlagen sich bei einem Canvas wie bei einem Quilt zu bedienen. Einzelne Felder von Relevanz für das jeweilige Thema herauszupicken und miteinander zu einem Teppich zu vernähen.

Soweit möchte ich ihm nicht folgen.

Es geht nicht um ein beliebiges Cherry Picking und ja, wir müssen lernen auch weiße Flächen zu ertragen. Vielleicht sind einzelne Felder für unsere konkrete Fragestellung wirklich nicht relevant, aber die weiße Fläche zwingt uns dazu, das auch explizit festzustellen.

 

Einen eigenen Canvas entwickeln

  1. Aufgabenstellung klären
  2. Identifikation der Felder
  3. Gruppierung und Anordnung
  4. Grafische Gestaltung
  5. Detaillierung
  6. Verprobung

 

Weiterführendes

Ist Ihr Interesse an Canvas und Graphic Facilitation geweckt? Wenn Sie sich mehr dafür interessieren und offen für einen unkonventionellen/spielerischen Ansatz sind, dann sei Ihnen unser Buch „Business Visualisierung“ empfohlen. Oder Sie stöbern gleich hier um Blog weiter oder in unserer Business Visualisierungs-Video-Reihe auf LinkedIn Learning.

Scope Creep

Wenn es mal wieder ein bisschen mehr sein darf… Scope Creep – die schleichende Umfangserweiterung ist ein Albtraum für die Projektarbeit und dennoch treffen wir sie allerorten. Wie wir sie erkennen und wie wir uns dagegen wehren können, darin geht es in unserem Videotraining auf LinkedIn Learning.

PMCampMuc & Sessiondoku: (Falsche) Selbstverständlichkeiten im Projektmanagement

Freitag/Samstag war wieder PMCampMuc und wenn ich als „Buchhalter“ schon fast zum Orgateam gehöre, dann bin ich auch dabei, wenn´s irgendwie geht. Und natürlich hat es sich wieder gelohnt. Diesmal eher exqusit – das womöglich erste PMCamp mit Liftboy – der Location geschuldet.

Und wiedermal ein grandioses Klassentreffen mit vielen wertvollen Impulsen.

Bei Michael, unserem Keynote-Speaker, muss ich mich noch beschweren: Seine Aufgabe („Finde einen Teilnehmer, den du noch nicht kennst.“) wird zunehmend schwieriger zu erfüllen, aber diese Kritik nimmt er leichten Herzens hin, ist sie doch ein Indikator für den Erfolg und die gelungene Vernetzung.

Die Sessiondoku gibt es – wie immer – auf openPM.

Eine eigene Session habe ich auch mitgebracht: (Falsche) Selbstverständlichkeiten im Projektmanagement.

Darin gibt es nicht nur einige Hypothesen, die nachdenklich machen, sondern auch Einblick in die Resonanz auf unsere Videotrainings, sowie eine Auswertung von Publikationen im Projektmagazin.

Ich bin nicht nur mit openPM und der PMCamp-Bewegung zutieft verwachsen – beide kriegen mich auch so schnell nicht mehr los.

Und das ist auch gut so.

😉

 

Nach dem PMCamp ist definitiv vor dem PMCamp! Ich weiß nur noch nicht, welches mein nächstes sein wird. Karlsruhe am nächsten Wochenende schaffe ich definitiv nicht, aber dann unterstütze ich sie wenigsten und mach halt ihre Buchhaltung…

Integrationsmanagement

Fit werden für Integrationsaufgaben in Projekten aus Projektmanagement: Integration von Bernhard Schloß, Christian Botta und Daniel Reinold

Integrationsmanagement, ja, das ist so ein Thema, das insbesondere im PMBOK („Project Management Body of Knowledge“) des amerikanischen PMI explizit hervorgehoben wird.
Ich habe damit selbst lange „gefremdelt“, weil für mich Integrationsaufgaben so elementarer Bestandteil von Projektmanagement sind, dass ich nicht auf die Idee gekommen wäre, das als eigenes Wissensgebiet innerhalb der Disziplin anzusehen. Mit den verschiedensten Integrationsebenen und -aufgaben beschäftigt sich unser neues Training auf LinkedIn Learning. In Projekten werden wir mit den unterschiedlichsten Aufgaben konfrontiert, aber wie wird aus den vielen einzelnen Aktivitäten ein erfolgreiches Ganzes? Genau darum geht es in unserem Kurs. Wir wollen alle Teilnehmer genau dafür fit machen!

 

Gelesen: Rettet das Spiel!

Muss man ein theoretisch/philosophisches Buch über Spiele lesen?

Nein, muss man nicht, kann man aber.

Und durchaus erhellend ist die Einordnung des Spiels als elementares Prinzip der Evolution und des Lebens.

Gerald Hüther (ja, der Hirnforscher) und Christoph Quarch liefern neben einer wissenschaftlich/philosophischen Einordnung auch eine kleine Kulturgeschichte und ein Plädoyer zur Rettung des Spiels. Bei letzterem schießen sie etwas über das Ziel hinaus und werden mir zu dogmatisch. Sie stilisieren stark die Bedrohung des homo ludens (des spielenden Menschen) durch den homo oeconomicus und den homo faber. Sie warnen vor der reinen Konsumhaltung (statt des aktiven Spiels) und das elektronische Spiel vor dem Monitor erschließt sich ihnen nicht. Hier gehen sie mir zu weit. Ich folge ihrer Wertschätzung von Kreativität und Spiel, die Abschätzung verschiedener Varianten geht mir aber zu weit und ist nicht mehr zeitgemäß. Lediglich die Reduktion des Spiels auf den Konsum oder die elektronische Variante ist zu bedauern, nicht aber diese Varianten an sich. Sie haben im breiten Spektrum des Spiels durchaus ihren Platz und ihre Berechtigung. Homo ludens, homo oeconomicus oder homo faber sind für mich lediglich Denkfiguren – vielleicht auch Leitbilder in bestimmten Epochen. Der Höhepunkt der Verehrung des homo oeonomics ist aber längst überschritten. Seine Kritik beginnt spätestens in den 60er Jahren und hat zuletzt mit Autoren wie Kahnemann oder Taleb auch breite Kreise erreicht.

Die beiden Autoren identifizieren drei zentrale Signaturen eines jeden Spiels: Verbundenheit, Freiheit und Darstellung. Sie betrachten die Spielfamilien Geschicklichkeitsspiele, Wettkampfspiele, Schauspiele (einschließlich der Kultspiele) und Glücksspiele. Sie betrachten Spiel und Spielraum als Quelle von Kreativität und Innovation und somit auch als Voraussetzung für (wirtschaftlichen) Erfolg. Sie kritisieren die Notenoptimierung zu Lasten von „Spielräumen“ in unserem Schulsystem und bieten letztlich ein leidenschaftliches Plädoyer für das Spiel:

„Denn wo Menschen miteinander spielen, öffnet sich der Raum des Zwischenmenschlichen, in dem sich Neues, Unverhofftes zeigen kann.“

Gerald Hüther, Christoph Quarch, Rettet das Spiel: weil Leben mehr als Funktionieren ist, München 2016, ISBN-13: 9783446447011

Neu auf LinkedIn Learning: Änderungsmanagement

Änderungen sind unausweichlich aus Projektmanagement: Änderungsmanagement von Bernhard Schloß, Daniel Reinold und Christian Botta

Schlag auf Schlag geht es weiter mit einem neuen Training auf LinkedIn Learning – diesmal zum Thema Änderungsmanagement.
Wir beschäftigen und damit, was ein Change ist und wie wir damit umgehen. Änderungen sind im Projektalltag unausweichlich, umso wichtiger ist dieses Thema und wir unterstützen Sie dabei.

 

Ethik & Compliance in Projekten

LinkedIn-Learning Time auf schlossBlog. Unser neues Projektmanagement-Training: Ethik und Compliance ist erschienen. Und was sich auf den ersten Blick theoretisch und abstrakt anhört, ist gar nicht so, denn es geht vor allem um Entscheidungs- und Handlungsgfähigkeit. Neugierig geworden? Dann würden wir uns auf einen neuen Kursteilnehmer freuen 😉

 

Gelesen: Startup Scaleup Shiftup

Der neue Appelo ist da. Und wo Appelo drauf steht ist auch Appelo drin. Sein „Management 3.0“ war ein echter Meilenstein und alles von ihm liest sich undogmatisch mit einem Sinn fürs Praktische bis hin zu Übungen und Tools (legendär: sein Delegation Poker) und auf der anderen Seite zeigt er dennoch Tiefe in puncto Komplexität und Agilität.
Jetzt hat er sich dem Thema „Gründen und Wachsen“ verschrieben. Neben dem Appelo typischen Stil sind deswegen Berichte aus seiner aktuellen Neugründung und Interviews aus der Startup-Szene eingearbeitet. Jurgen predigt keine dogmatische Lehre, sondern lebt, schreibt und handelt aus seinem eigenen agilen Mindset heraus. Der Untertitel „42 Tools to Accelerate Lean & Agile Business Growth gefällt mir weniger (Bullshit Bingo und dass die Zahl 42 so hervorgehoben wird, hat nicht wirklich Relevanz), das Buch selbst durchaus. Die grafische Aufmachung hat einen eigenen Stil – nicht den bekannten Appelo-Stil (den ich aufgrund seines Charmes und seiner Ironie sehr gemocht habe), sondern den technischen Stil eines Grafikers, der sich konsequent von der ersten bis zur letzten Seite durch das Buch zieht. Ein vielbeschäftigter Autor delegiert mittlerweile solche Aufgaben. Richtig, aber schade.
Die Inhalte überraschen nicht wirklich. Auch ein Appelo erfindet das Rad nicht neu, aber er überträgt vieles gutes und bekanntes in diesem Fall eben auf die Gründerszene und ergänzt es um eigene, kluge methodische Ansätze und Werkzeuge. Ein „Gründerbuch“ hätte ich wahrscheinlich nicht einmal angeschaut, der neue Appelo war dagegen eine Pflichtlektüre, die ich keine Sekunde bereut habe. Und gerade weil sie nicht 100% meiner Interessen bedient, eine angenehme Erweiterung des eigenen Blickwinkels.
Noch ein Wort zu den Werkzeugen: Wie schon erwähnt finden sich viele Bekannte wieder (das mein ich nicht negativ), von der Product Vision, dem Business Model Canvas, Personas, Kanban, Roadmaps, Journeys, Design Thinking und vieles mehr. Zu seinem Canvas Kapitel folgt demnächst noch ein eigener Post hier auf schlossBlog. All die Werkzeuge setzt er in Bezug zu einem Business Lifecycle. Ich mag auch seine Ausführungen am Ende zum Thema Kultur.

Mal wieder eine echte Leseempfehlung.

Jurgen Appelo, Startup Scaleup Scewup – 42 Tool to Accelerate Lean & Agile Business Growth, Hoboken 2019, ISBN-13: 987119526858

Communities und Community-Projekte

Communities ticken anders. Entsprechend funktionieren Community-Projekte auch anders als andere Projekte. Was Communities anders macht ist das Prinzip der „Freiwilligkeit„. Egal ob es um Open Source Software-Entwicklung geht oder um ein Entwicklungshilfeprojekt eines NGOs, wenn die Akteure auf freiwilliger Basis an Bord sind, stellt das viele Spielregeln auf den Kopf.

Eine liebe Freundin trieb mich einst beinahe in den Wahnsinn, weil für sie vor der Arbeit noch das Tee-Kochen und ein freundlicher Plausch wichtig waren, während ich erst einmal (auch im Ehrenamt) die Arbeit schaffen wollte, um dann in aller Ruhe mit ihr und den anderen noch weiter „abzuhängen“. Die Lektion, die ich damals lernen musste, ist, dass man bei „Freiwilligkeit“ nichts einklagen kann und wir die Eigenheiten der anderen weit mehr akzeptieren müssen, als wir im (Berufs-)Alltag bereit wären, das zu tun. Letztlich müssen wir froh sein, egal ob im Sportverein, im Sozialen oder wo auch immer, wenn sich jemand engagiert und die Grenzen der Kritikfähigkeit verlaufen einfach anders bei Volunteers.

Um Communites besser zu verstehen bin ich vor einer Weile über ein schönes Werkzeug gestolpert. Wie könnte es auch anders sein: Es ist ein Canvas – Der Community-Canvas.

Mit seinen Feldern bietet der Canvas bereits eine Tiefenstruktur zur Analyse einer Community. Im ersten Schritt reicht vielleicht schon die Grobstruktur (gekennzeichnet durch die Farben): Identity (blau) – Expierience (rot) – Structure (grün).

Wenden wir dieses Werkzeug exemplarisch auf 3 Beispiele an:

openPM ist zum Einen ein Projektmanagement-Wiki, aber auch Bestandteil einer verbandsunabhängigen Projektmanagement-Community, die sich im Rahmen der PM-Camp-Bewegung gefunden hat. Hinter openPM steckt ein gemeinnütziger Trägerverein, der mittlerweile nicht nur das Wiki betreibt, sondern bei einigen PM-Camps auch als Veranstalter auftritt (München, Stuttgart, Karlsruhe) und auch die PM-Camp-Internet-Domain verwaltet. Bei all meinem persönlichen Enthusiasmus für openPM, legt der Canvas gleich den Finger in die Wunden dieser Community: Bei Identity und Structure können wir einen Haken setzen, hier ist die Aufstellung vorbildlich. Kritisch wird es in einzelnen Expierience Feldern. Dem Wiki mangelt es teilweise an Inhalt (Content). Offenbar werden die Erfahrungen (Shared Expierience) nicht in dem Umfang geteilt wie erhofft. Einen möglichen Ansatzpunkt liefert der Canvas gleich mit: Die Etablierung von Ritualen. Das könnte im Konkreten ein noch weitergehendes Engagement in der PM-Camp-Bewegung und auf PM-Camps sein, aber vielleicht auch die Etablierung weiterer Austausch- und Diskussionsformate.

Beispiel 2 hatten wir bereits eingangs erwähnt: Freiwilligen-Arbeit mangelt es mitunter an Effizienz, die sich auch nicht „einklagen“ lässt. Im Canvas bewegen wir uns auch hier in den Expierience Feldern. Einen Lösungsansatz könnten Rules, Rituals und Roles bieten.

Sind Communities grundsätzlich im gemeinnützigen Bereich angesiedelt? Nein, es gibt auch andere Beispiele, die aber ebenfalls unter den Restriktionen der „Freiwilligkeit“ leiden – man denke nur an Barcamps und Open Space-Veranstaltungen, Supervision oder WOL-Circle. Aber auch firmenintern lassen sich Beispiele finden, wie unser Beispiel 3: Eine Community von IT-Experten einer bestimmten Software in einem Konzern. Gemeinsam helfen sich die Kollegen mit Know How und Tools aus. Die Gemeinschaft wächst schnell und ihr Aktivitätsradius nimmt zu, weil alle profitieren, allerdings bleibt die Community informell, womit sich selbst zugesagte Leistungen kaum einfordern lassen. Bei Gemeinschaftsprojekten knirscht es. Möglicherweise stehen einzelne IT-Abteilungen auch im Konkurrenzkampf: Abteilung A könnte System und Aufgaben von Abteilung B übernehmen). Defizite liegen zum Einen im Bereich Structure (Organization, Governance und Financing), aber auch beim Miteinander (Shared Expieriences) fehlt es an Rules und Roles.

Die 3 Beispiele zeigen bereits eindrucksvoll Stärken des Canvas. Allerdings sehe ich auch ein strukturelles Defizit: Der Canvas unterstellt eine Homogenität der Teilnehmer der Community. Heterogenität (z.B. rivalisierende Positionen) lassen sich schwer im Schema verankern. Das könnte z.B. durch eine begleitende Stakeholder-Analyse kompensiert werden. Aber nichtsdestotrotz: das ist Kritik/Jammern auf hohem Niveau. Der Community Canvas stellt eine hervorragende Bereicherung in der Auseinandersetzung mit Communities und Community Projekten dar.



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