Klares Ziel, flexibler Weg
Handlungsfähigkeit unter Unsicherheit
Wir neigen dazu, Zielorientierung mit Planung zu verwechseln: Ziel definieren, Weg festlegen, Plan abarbeiten. Das funktioniert gut, solange die Welt einigermaßen vorhersehbar ist.
Unter Unsicherheit wird genau diese Logik zum Problem. Dann brauchen wir beides: Orientierung und Anpassungsfähigkeit.
Oder kürzer:
Klares Ziel. Konsequentes Handeln. Flexibler Weg.
Interessanterweise findet sich diese Grundidee in sehr unterschiedlichen Forschungs- und Managementansätzen wieder.
Psychologie: Handeln, ohne alles kontrollieren zu können
Albert Banduras Konzept der Selbstwirksamkeit beschreibt die Überzeugung, durch eigenes Handeln etwas bewirken zu können. Entscheidend ist dabei nicht der Glaube „Es wird schon gut gehen“, sondern:
„Ich kann etwas dafür tun.“
Peter Gollwitzers Forschung zu Implementation Intentions ergänzt die Umsetzungsperspektive. Ziele werden wirksamer, wenn aus allgemeinen Absichten konkrete Handlungen werden: „Wenn Situation X eintritt, tue ich Y.“
Gleichzeitig beeinflussen Ziele unsere Aufmerksamkeit. Forschung zur zielgerichteten Aufmerksamkeit zeigt, dass aktive Ziele beeinflussen können, welche Informationen für uns salient und handlungsrelevant werden. Was manchmal wie ein glücklicher Zufall erscheint, kann deshalb schlicht eine Möglichkeit sein, die wir ohne entsprechende Aufmerksamkeit übersehen hätten.
Zielorientierung darf allerdings nicht mit Starrheit verwechselt werden. Carsten Wrosch und Kollegen zeigen mit ihrer Forschung zu Goal Disengagement und Goal Reengagement, dass auch das Loslassen unerreichbarer Ziele und die Hinwendung zu neuen Zielen Bestandteile adaptiver Selbstregulation sein können.
Die psychologische Perspektive lässt sich damit so zusammenfassen:
Handle konsequent bei dem, was du beeinflussen kannst – und bleibe flexibel, wenn du neue Informationen bekommst.
Effectuation: Wenn sich sogar das Ziel entwickeln darf
In der Entrepreneurship-Forschung begegnet uns eine ähnliche Logik als Effectuation.
Saras Sarasvathy unterscheidet in ihrer grundlegenden Arbeit von 2001 zwischen Causation und Effectuation.
Klassische Planung fragt:
„Ich kenne mein Ziel – welche Mittel brauche ich dafür?“
Effectuation dreht die Perspektive um:
„Ich kenne meine verfügbaren Mittel – was kann ich damit erreichen?“
Sarasvathy entwickelte diesen Ansatz in den folgenden Jahren weiter und systematisierte ihn insbesondere in ihrem Buch Effectuation: Elements of Entrepreneurial Expertise (2008). Mit Effectuation werden heute fünf Prinzipien verbunden:
- Bird in Hand: mit vorhandenen Mitteln beginnen
- Affordable Loss: nur Risiken eingehen, deren möglicher Verlust verkraftbar ist
- Crazy Quilt: Partnerschaften eingehen und gemeinsam neue Möglichkeiten schaffen
- Lemonade: Überraschungen produktiv nutzen
- Pilot in the Plane: sich auf den gestaltbaren Teil der Zukunft konzentrieren
Der entscheidende Gedanke geht dabei noch über „flexibler Weg“ hinaus:
Unter hoher Unsicherheit kann sich durch Handeln, neue Partner und Lernen sogar das Ziel weiterentwickeln.
Statt die Zukunft möglichst genau vorherzusagen, versucht Effectuation, den beeinflussbaren Teil der Zukunft aktiv mitzugestalten.
Beyond Budgeting: Flexibilität auf Organisationsebene
Eine ähnliche Denkfigur findet sich im Beyond Budgeting.
Klassische Unternehmenssteuerung versucht häufig, die Zukunft in Jahrespläne, Budgets und Zielwerte zu übersetzen. Je dynamischer die Umwelt, desto schneller veralten jedoch die Annahmen, auf denen diese Pläne beruhen.
Beyond Budgeting bedeutet deshalb keineswegs, auf Planung zu verzichten. Stattdessen werden Dinge voneinander getrennt, die klassische Budgets häufig miteinander vermischen: Zielsetzung, Prognose, Ressourcenallokation und Leistungsbewertung.
Rolling Forecasts können aktualisiert werden, wenn neue Informationen vorliegen. Ressourcen werden flexibler eingesetzt. Entscheidungen werden stärker dezentralisiert. Relative Ziele können starre absolute Vorgaben ersetzen.
Die Organisation erhält damit Orientierung, ohne den zukünftigen Weg vollständig festzuschreiben.
Ein gemeinsames Muster
Psychologische Selbstregulation, Effectuation und Beyond Budgeting sind keine Varianten derselben Theorie. Sie stammen aus unterschiedlichen Forschungs- und Anwendungskontexten und sollten auch nicht nachträglich zu einer gemeinsamen Theorie erklärt werden.
Trotzdem beschäftigen sie sich mit Varianten einer erstaunlich ähnlichen Frage:
Wie bleiben Menschen und Organisationen handlungsfähig, wenn sie die Zukunft nicht vollständig vorhersehen und kontrollieren können?
Aus den drei Perspektiven lässt sich eine gemeinsame Handlungslogik ableiten:
Orientieren → Handeln → Beobachten → Lernen → Anpassen
Damit verschiebt sich die Denkweise von
Predict → Plan → Execute → Control
zu
Orient → Act → Sense → Learn → Adapt
Pläne verschwinden dabei nicht. Aber ihr Status verändert sich.
Ein Plan ist der derzeit beste bekannte Weg unter den derzeit bekannten Bedingungen – nicht die Zukunft.
Fünf Fragen für die Praxis
1. Was wollen wir eigentlich erreichen?
Ziel und derzeit bevorzugten Lösungsweg auseinanderhalten.
2. Was können wir jetzt beeinflussen?
Handlungsfähigkeit nicht von vollständiger Vorhersagbarkeit abhängig machen.
3. Was ist der nächste sinnvolle Schritt?
Aus Überlegungen Handlungen machen und dadurch neues Wissen erzeugen.
4. Was haben wir seit unserer letzten Entscheidung gelernt?
Neue Informationen nicht nur als Planabweichung, sondern als Erkenntnis behandeln.
5. Was würden wir heute anders entscheiden, wenn unser alter Plan nicht existieren würde?
Verhindern, dass vergangene Entscheidungen zukünftige Handlungsmöglichkeiten unnötig blockieren.
Handlungsfähigkeit statt Kontrollillusion
Vielleicht ist deshalb „Klares Ziel, flexibler Weg“ noch nicht die ganze Geschichte.
Die drei Perspektiven legen gemeinsam eine etwas umfassendere Haltung nahe:
Klare Orientierung. Konsequentes Handeln. Kontinuierliches Lernen. Flexible Wege.
Dabei geht es weder um Planlosigkeit noch darum, Ziele beim ersten Widerstand aufzugeben.
Es geht darum, zwischen dem zu unterscheiden, was wir beeinflussen können und was wir lediglich prognostizieren.
Wir können Ziele setzen. Wir können Entscheidungen treffen. Wir können handeln. Wir können unsere Aufmerksamkeit lenken, Partnerschaften eingehen, Experimente durchführen und aus den Ergebnissen lernen.
Was wir nicht können, ist die Reaktion einer komplexen Umwelt vollständig vorhersehen.
Deshalb könnte die eigentliche Leitidee lauten:
Nicht versuchen, die Zukunft zu kontrollieren. Die eigene Handlungsfähigkeit unter Unsicherheit erhöhen.
Literatur
Bandura, A. (1997): Self-Efficacy: The Exercise of Control. W. H. Freeman.
Gollwitzer, P. M. (1999): Implementation Intentions: Strong Effects of Simple Plans. American Psychologist, 54(7), 493–503.
Moskowitz, G. B. (2002): Preconscious Effects of Temporary Goals on Attention. Journal of Experimental Social Psychology, 38(4), 397–404.
Wrosch, C., Scheier, M. F., Miller, G. E., Schulz, R. & Carver, C. S. (2003): Adaptive Self-Regulation of Unattainable Goals: Goal Disengagement, Goal Reengagement, and Subjective Well-Being. Personality and Social Psychology Bulletin, 29(12), 1494–1508.
Sarasvathy, S. D. (2001): Causation and Effectuation: Toward a Theoretical Shift from Economic Inevitability to Entrepreneurial Contingency. Academy of Management Review, 26(2), 243–263.
Sarasvathy, S. D. (2008): Effectuation: Elements of Entrepreneurial Expertise. Edward Elgar.
Hope, J. & Fraser, R. (2003): Beyond Budgeting: How Managers Can Break Free from the Annual Performance Trap. Harvard Business School Press.
Beyond Budgeting Round Table (BBRT): Beyond Budgeting Principles.
KI Hinweis
Dieser Beitrag entstand in einem Dialog mit der KI. Nein eigentlich im Dialog mit mehreren KIen, denn was ich ursprünglich mit ChtaGPT ausgearbeitet habe, habe ich mit Claude verifiziert und einem Faktencheck unterzogen, dessen Ergebnis wiederum von ChatGPT eingearbeitet wurde. Im ganzen Prozess gab es den Human in the Loop, der (1) die Idee zum Beitrag hatte, (2) zentrale Themen und Bausteine identifiziert hat und (3) die Qualitätssicherung und den Faktencheck sichergestellt hat.

