Monatsarchiv für August 2026

 
 

Brauchen wir überhaupt Ziele?

Handlungsfähigkeit unter Unsicherheit

Klares Ziel, flexibler Weg“ – so lautete die Leitidee des ersten Beitrags dieser Reihe.

Aber diese Formel enthält eine Voraussetzung, die keineswegs selbstverständlich ist: dass wir unser Ziel bereits kennen.

Was aber, wenn wir zwar spüren, dass sich etwas verändern soll, den gewünschten Zielzustand aber noch gar nicht beschreiben können? Was, wenn sich erst im Handeln zeigt, was überhaupt möglich und erstrebenswert ist? Und was geschieht, wenn wir keine eigenen Ziele bewusst verfolgen? Handeln wir dann tatsächlich ziellos – oder arbeiten wir nur zunehmend an den Zielen anderer?

Die Frage lautet deshalb zunächst:

Brauchen wir überhaupt Ziele, um handlungsfähig zu sein?

Effectuation: Wenn das Ziel erst im Handeln entsteht

Im ersten Beitrag haben wir Saras Sarasvathys Unterscheidung zwischen Causation und Effectuation bereits aufgegriffen.

Kausales Vorgehen beginnt mit einem bestimmten Ziel und fragt anschließend nach den geeigneten Mitteln:

„Ich weiß, was ich erreichen will – wie komme ich dorthin?“

Effectuation dreht die Perspektive um. Den Ausgangspunkt bilden die bereits verfügbaren Mittel:

„Wer bin ich? Was weiß ich? Wen kenne ich – und was kann ich damit anfangen?“

Das mögliche Ergebnis ist hier nicht vollständig vorgegeben. Es entwickelt sich durch Handlungen, neue Erfahrungen, überraschende Ereignisse und Vereinbarungen mit anderen. Sarasvathy beschreibt Effectuation deshalb als eine Logik für Situationen, in denen die Zukunft nicht nur schwer vorherzusagen ist, sondern durch das Handeln der Beteiligten überhaupt erst mitgestaltet wird.

Das bedeutet nicht, ohne jede Orientierung loszulaufen. Werte, Interessen, Fähigkeiten und verfügbare Mittel begrenzen und strukturieren den Handlungsraum. Aber das endgültige Ziel muss nicht bereits zu Beginn feststehen.

Unter Unsicherheit kann Zielarbeit beginnen, bevor ein konkreter Zielzustand feststeht.

Manchmal suchen wir also den passenden Weg zu einem bekannten Ziel. Manchmal müssen wir durch das Handeln erst herausfinden, welches Ziel sinnvoll und erreichbar ist.

Psychologie: Ziele lenken unsere Aufmerksamkeit

Ich habe selbst zeitweise sehr konsequent mit Zielen gearbeitet, in den vergangenen Jahren aber deutlich weniger bewusst.

Das bedeutet nicht, dass ich ziellos geworden wäre. Ich habe weiter Entscheidungen getroffen, Projekte verfolgt und Dinge umgesetzt. Trotzdem stellt sich die Frage, was unser Handeln steuert, wenn wir unsere eigenen Ziele nicht mehr bewusst entwickeln und präsent halten.

Die psychologische Zielsetzungsforschung liefert dazu einige Anhaltspunkte.

Edwin Locke und Gary Latham beschreiben mehrere Mechanismen, über die Ziele unsere Leistung beeinflussen. Ziele lenken Aufmerksamkeit und Anstrengung auf zielrelevante Tätigkeiten. Sie können Energie mobilisieren, die Ausdauer erhöhen und die Suche nach geeigneten Handlungsstrategien anregen.

Ziele sind damit nicht nur Beschreibungen eines gewünschten Ergebnisses. Sie wirken als Filter:

Sie beeinflussen, worauf wir achten, wofür wir Energie aufbringen und welche Handlungsmöglichkeiten wir überhaupt wahrnehmen.

Gordon Moskowitz hat untersucht, wie aktive Ziele die Zugänglichkeit zielrelevanter Informationen beeinflussen können. Arie Kruglanski und Kollegen beschreiben Ziele und mögliche Mittel als kognitiv miteinander verbundene Netzwerke. Unterschiedliche Ziele stehen dabei nicht isoliert nebeneinander. Sie können sich ergänzen, aber auch um begrenzte Aufmerksamkeit und Ressourcen konkurrieren.

James Shah, Ron Friedman und Arie Kruglanski bezeichnen die zeitweise Hemmung konkurrierender Ziele als Goal Shielding. Ein wichtiges und aktives Ziel kann gegen Ablenkungen abgeschirmt werden. Diese Fokussierung hilft bei der Zielverfolgung – sie kann aber auch andere Anliegen aus dem Blick drängen.

Aus diesen Befunden lässt sich eine weitergehende Arbeitshypothese ableiten:

Wenn wir unsere eigenen Ziele nicht bewusst präsent halten, entsteht nicht automatisch ein Vakuum. Andere aktivierte Ziele und Anforderungen können unsere Aufmerksamkeit übernehmen.

Dann bestimmen kurzfristige Deadlines, offene Aufgaben, Kundenwünsche, Erwartungen anderer und das gerade Dringliche, womit wir uns beschäftigen. Wir sind dabei womöglich außerordentlich produktiv – aber nicht unbedingt in Bezug auf das, was uns selbst wichtig ist.

Keine bewussten Ziele zu verfolgen bedeutet also nicht, ziellos zu handeln. Es kann auch bedeuten, überwiegend Ziele zu verfolgen, die wir nie bewusst gewählt haben.

Dörner: Wenn das Dringliche das Ziel verdrängt

Dietrich Dörner beschreibt in Die Logik des Misslingens, wie Menschen mit komplexen und dynamischen Situationen umgehen – und dabei immer wieder an typischen Denk- und Handlungsmustern scheitern.

Eines dieser Muster nennt er Reparaturdienstverhalten.

Dabei konzentrieren sich die Handelnden auf einzelne, unmittelbar sichtbare Missstände. Sie beheben, was gerade stört, reagieren auf Symptome und wechseln von einem Problem zum nächsten. Die Vorstellung davon, welcher Zustand eigentlich erreicht werden soll, tritt dabei zunehmend in den Hintergrund.

Man kann ausgesprochen aktiv sein und trotzdem die Orientierung verlieren.

Dörner zeigt allerdings nicht nur die Gefahren fehlender Zielorientierung. Auch ein zu enges oder unzureichend überprüftes Zielbild kann problematisch werden. In komplexen Systemen bestehen Abhängigkeiten, Verzögerungen, Nebenwirkungen und Zielkonflikte. Wer nur auf eine einzelne Zielgröße schaut, kann an anderer Stelle erheblichen Schaden verursachen.

Zu den von Dörner diskutierten hilfreichen Strategien gehören deshalb unter anderem:

  • Ziele konkretisieren,
  • Zielkonflikte erkennen,
  • Arbeitshypothesen regelmäßig prüfen,
  • Zwischenziele bilden,
  • vorausschauend planen,
  • Handlungsmöglichkeiten offenhalten,
  • den Suchraum abwechselnd einengen und erweitern.

Zielorientierung und Anpassungsfähigkeit sind bei Dörner keine Gegensätze. Ein Zielbild soll dem Handeln Richtung geben, darf aber nicht gegen neue Informationen und beobachtete Wirkungen immunisiert werden.

Der Ausweg aus dem Reparaturdienstverhalten ist deshalb nicht der unverrückbare Masterplan. Es ist ein Zielbild, das Orientierung gibt und zugleich durch Handeln, Beobachten und Lernen weiterentwickelt werden kann. Genau hier trifft Dörners Analyse auf Effectuation.

Ziele wirken – aber nicht immer gleich

Locke und Latham zeigen in ihrer Goal-Setting Theory, dass spezifische und anspruchsvolle Ziele häufig zu besseren Leistungen führen als leichte Ziele oder die bloße Aufforderung, sein Bestes zu geben.

Diese häufig verkürzte Aussage gilt allerdings nicht bedingungslos. Die Wirkung eines Ziels hängt unter anderem davon ab,

  • ob eine Bindung an das Ziel besteht,
  • ob Rückmeldung über den Fortschritt verfügbar ist,
  • ob die notwendigen Fähigkeiten und Kenntnisse vorhanden sind,
  • wie komplex die Aufgabe ist,
  • ob das Ziel überhaupt beeinflussbar erscheint.

Gerade bei neuen und komplexen Aufgaben können Lernziele geeigneter sein als reine Ergebnisziele. Wer noch nicht weiß, wie eine Aufgabe gelöst werden kann, sollte nicht nur festlegen, welches Ergebnis erreicht werden muss. Zunächst kann die entscheidende Frage lauten, was herausgefunden, ausprobiert oder gelernt werden soll.

Ziele können außerdem unerwünschte Nebenwirkungen entwickeln. Lisa Ordóñez, Maurice Schweitzer, Adam Galinsky und Max Bazerman haben diese Risiken unter dem Titel Goals Gone Wild zusammengetragen. Zu enge oder überzogene Zielvorgaben können die Aufmerksamkeit verengen, Lernen behindern, Risikoverhalten fördern oder Menschen dazu verleiten, unerwünschte Nebenwirkungen zu ignorieren.

Die Veröffentlichung löste eine fachliche Kontroverse aus. Locke und Latham widersprachen Teilen der Argumentation. Trotzdem bleibt eine für unsere Fragestellung wichtige Erkenntnis:

Ziele sind wirksame Steuerungsinstrumente. Gerade deshalb kommt es darauf an, welche Ziele wir in welchem Kontext einsetzen.

Nicht jede Situation braucht ein konkretes Ergebnisziel. Manchmal ist ein Lernziel geeigneter. Manchmal benötigen wir zunächst eine Richtung, ein Anliegen oder eine Frage, die wir durch Handeln klären wollen.

Wessen Ziel verfolgen wir?

Auch ein gut formuliertes Ziel muss nicht zwangsläufig ein gutes Ziel für denjenigen sein, der es verfolgt.

Edward Deci und Richard Ryan unterscheiden in ihrer Selbstbestimmungstheorie zwischen stärker selbstbestimmten und stärker kontrollierten Formen der Motivation. Menschen können ein Ziel verfolgen, weil es ihren eigenen Interessen und Werten entspricht. Sie können es aber auch verfolgen, weil sie Anerkennung erwarten, Schuldgefühle vermeiden wollen oder sich durch andere unter Druck gesetzt fühlen.

Kennon Sheldon und Andrew Elliot sprechen in diesem Zusammenhang von Self-Concordance. Ziele sind selbstkongruent, wenn sie zu den eigenen Interessen und grundlegenden Werten passen. In ihren Untersuchungen waren solche Ziele mit stärkerem und länger anhaltendem Einsatz verbunden. Fortschritte bei selbstkongruenten Zielen standen außerdem stärker mit dem persönlichen Wohlbefinden in Zusammenhang.

Damit reicht es nicht, nur nach der Klarheit eines Ziels zu fragen.

Verfolge ich tatsächlich mein eigenes Ziel – oder habe ich lediglich eine fremde Erwartung übernommen?

Das gilt nicht nur für persönliche Ziele. Auch Organisationen können mit großem Aufwand Ziele verfolgen, deren Sinn kaum noch jemand erklären kann. Kennzahlen werden erfüllt, Budgets ausgeschöpft und Projekte planmäßig abgeschlossen – selbst wenn ihr Beitrag zum eigentlichen Zweck fraglich geworden ist.

Drucker: Ziele als Grundlage von Selbststeuerung

Peter Drucker führte den Ansatz des Management by Objectives 1954 in The Practice of Management aus. Häufig wird dabei nur der erste Teil seines Konzepts genannt. Drucker sprach jedoch von:

Management by Objectives and Self-Control.

Diese Ergänzung ist entscheidend.

Ziele sollten bei Drucker nicht nur der Kontrolle von Mitarbeitern dienen. Sie sollten den Beitrag des Einzelnen mit den übergeordneten Aufgaben der Organisation verbinden und dadurch eigenverantwortliches Handeln ermöglichen.

Wer verstanden hat, welchen Beitrag er leisten soll, muss nicht bei jeder einzelnen Handlung gesteuert werden. Ziele schaffen einen Rahmen für Selbststeuerung.

Druckers Perspektive lässt sich deshalb nicht auf die Frage reduzieren:

„Welche Kennzahl soll erreicht werden?“

Die grundlegendere Frage lautet:

Welchen Beitrag soll meine Arbeit zum Ganzen leisten?

Damit liefert Drucker auch eine Antwort auf Dörners Reparaturdienstverhalten. Wer den angestrebten Beitrag nicht kennt, kann sehr effizient einzelne Probleme lösen, ohne damit das Richtige zu bewirken.

In vielen Organisationen wurde Management by Objectives allerdings zu einem formalen Zielvereinbarungs- und Bewertungssystem verengt. Ziele wurden hierarchisch heruntergebrochen, mit Kennzahlen versehen und am Jahresende abgerechnet. Aus Selbststeuerung wurde erneut Fremdkontrolle – nur diesmal im Gewand vermeintlich objektiver Zielgrößen.

OKR: Die modernere Variante

Objectives and Key Results – kurz OKR – lassen sich als modernere Weiterentwicklung dieser MBO-Tradition verstehen.

Andy Grove entwickelte bei Intel eine eigene Form des Management by Objectives, die später als OKR bekannt wurde. John Doerr brachte den Ansatz Ende der 1990er-Jahre zu Google, wo er weiterentwickelt und bekannt gemacht wurde.

Ein OKR beantwortet zwei grundlegende Fragen:

  • Objective: Wohin wollen wir?
  • Key Results: Woran erkennen wir, dass wir vorankommen?

Das Objective beschreibt eine qualitative Richtung oder einen angestrebten Zustand. Die Key Results sollen anhand überprüfbarer Ergebnisse zeigen, ob Fortschritt erzielt wird.

Gegenüber klassischen jährlichen Zielvereinbarungen versucht OKR, Zielarbeit dynamischer zu organisieren:

  • Ziele werden in kürzeren Zyklen formuliert und überprüft.
  • Ziele und Fortschritte werden transparent gemacht.
  • Ambitionierte Objectives werden mit überprüfbaren Ergebnissen verbunden.
  • Regelmäßige Reviews ermöglichen Lernen und Anpassung.
  • Ziele sollen Prioritäten sichtbar machen und die Aufmerksamkeit bündeln.

OKR ist damit nicht nur ein Instrument zur Zielsetzung, sondern im Idealfall ein Rhythmus kontinuierlicher Zielarbeit.

Allerdings löst auch OKR die grundlegenden Probleme von Zielsystemen nicht automatisch. Ein schlecht gewähltes Objective wird nicht dadurch sinnvoller, dass es mit drei messbaren Key Results versehen wird. Und Key Results können erneut zu einem Kennzahlenregime werden, wenn die Messbarkeit wichtiger wird als die beabsichtigte Wirkung.

Operationalisiert OKR tatsächlich Zielarbeit – oder manchmal nur Zielmessung?

Auch die modernere Variante nimmt uns die inhaltliche Auseinandersetzung mit unseren Zielen nicht ab.

Zielsetzung ist ein Ereignis – Zielarbeit ist ein Prozess

Brauchen wir also Ziele?

Die Forschung und die verschiedenen Managementansätze liefern darauf keine einfache Ja-oder-Nein-Antwort.

Konkrete Ziele können Aufmerksamkeit bündeln, Anstrengung mobilisieren, Entscheidungen erleichtern und Selbststeuerung ermöglichen. Sie können aber auch den Blick verengen, Lernen behindern oder fremde Erwartungen als eigene Orientierung erscheinen lassen.

Unter hoher Unsicherheit kann es zu früh sein, einen bestimmten Zielzustand festzuschreiben. Dann können zunächst eine Richtung, ein Anliegen, ein Wert oder eine Lernfrage genügen. Durch Handeln und Beobachten gewinnt das mögliche Ziel schrittweise an Kontur.

Entscheidend ist deshalb nicht, möglichst viele Ziele zu formulieren.

Zielsetzung ist ein Ereignis – Zielarbeit ist ein Prozess.

Zielarbeit bedeutet,

  • Ziele zu entwickeln,
  • Ziele präsent zu halten,
  • Ziele tatsächlich zu verfolgen,
  • und Ziele regelmäßig zu überprüfen.

Vielleicht besteht Zielarbeit weniger darin, immer genau zu wissen, wo man ankommen will, als bewusst zu entscheiden, woran man sein gegenwärtiges Handeln ausrichtet.

Oder kürzer:

Handlungsfähigkeit braucht nicht immer ein präzises Ziel. Aber sie braucht bewusste Orientierung.

Erst dann stellt sich die nächste Frage: Wie konsequent sollten wir diese Orientierung verfolgen – und wann wird Konsequenz zur Sturheit?


Literatur

Deci, E. L. & Ryan, R. M. (2000): The “What” and “Why” of Goal Pursuits: Human Needs and the Self-Determination of Behavior. Psychological Inquiry, 11(4), 227–268.

Dörner, D. (1989): Die Logik des Misslingens. Strategisches Denken in komplexen Situationen. Rowohlt., siehe auch schlossBlog

Drucker, P. F. (1954): The Practice of Management. Harper & Brothers.

Google re:Work: Set Goals with OKRs. Ursprünglich veröffentlicht 2016.

Grove, A. S. (1983): High Output Management. Random House.

Kruglanski, A. W., Shah, J. Y., Fishbach, A., Friedman, R., Chun, W. Y. & Sleeth-Keppler, D. (2002): A Theory of Goal Systems. Advances in Experimental Social Psychology, 34, 331–378.

Locke, E. A. & Latham, G. P. (2002): Building a Practically Useful Theory of Goal Setting and Task Motivation: A 35-Year Odyssey. American Psychologist, 57(9), 705–717.

Moskowitz, G. B. (2002): Preconscious Effects of Temporary Goals on Attention. Journal of Experimental Social Psychology, 38(4), 397–404.

Ordóñez, L. D., Schweitzer, M. E., Galinsky, A. D. & Bazerman, M. H. (2009): Goals Gone Wild: The Systematic Side Effects of Overprescribing Goal Setting. Academy of Management Perspectives, 23(1), 6–16.

Sarasvathy, S. D. (2001): Causation and Effectuation: Toward a Theoretical Shift from Economic Inevitability to Entrepreneurial Contingency. Academy of Management Review, 26(2), 243–263.

Shah, J. Y., Friedman, R. & Kruglanski, A. W. (2002): Forgetting All Else: On the Antecedents and Consequences of Goal Shielding. Journal of Personality and Social Psychology, 83(6), 1261–1280.

Sheldon, K. M. & Elliot, A. J. (1999): Goal Striving, Need Satisfaction, and Longitudinal Well-Being: The Self-Concordance Model. Journal of Personality and Social Psychology, 76(3), 482–497.

KI-Hinweis

Dieser Beitrag entstand im Dialog mit KI. Ausgangspunkt, Fragestellung, persönliche Einordnung und zentrale inhaltliche Entscheidungen stammen vom Autor. KI wurde zur Strukturierung, Rechercheunterstützung und Ausarbeitung genutzt. Die verwendeten Konzepte und Quellen wurden anschließend geprüft und in einen eigenen argumentativen Zusammenhang gebracht.

Klares Ziel, flexibler Weg

Handlungsfähigkeit unter Unsicherheit

Wir neigen dazu, Zielorientierung mit Planung zu verwechseln: Ziel definieren, Weg festlegen, Plan abarbeiten. Das funktioniert gut, solange die Welt einigermaßen vorhersehbar ist.

Unter Unsicherheit wird genau diese Logik zum Problem. Dann brauchen wir beides: Orientierung und Anpassungsfähigkeit.

Oder kürzer:

Klares Ziel. Konsequentes Handeln. Flexibler Weg.

Interessanterweise findet sich diese Grundidee in sehr unterschiedlichen Forschungs- und Managementansätzen wieder.

Psychologie: Handeln, ohne alles kontrollieren zu können

Albert Banduras Konzept der Selbstwirksamkeit beschreibt die Überzeugung, durch eigenes Handeln etwas bewirken zu können. Entscheidend ist dabei nicht der Glaube „Es wird schon gut gehen“, sondern:

„Ich kann etwas dafür tun.“

Peter Gollwitzers Forschung zu Implementation Intentions ergänzt die Umsetzungsperspektive. Ziele werden wirksamer, wenn aus allgemeinen Absichten konkrete Handlungen werden: „Wenn Situation X eintritt, tue ich Y.“

Gleichzeitig beeinflussen Ziele unsere Aufmerksamkeit. Forschung zur zielgerichteten Aufmerksamkeit zeigt, dass aktive Ziele beeinflussen können, welche Informationen für uns salient und handlungsrelevant werden. Was manchmal wie ein glücklicher Zufall erscheint, kann deshalb schlicht eine Möglichkeit sein, die wir ohne entsprechende Aufmerksamkeit übersehen hätten.

Zielorientierung darf allerdings nicht mit Starrheit verwechselt werden. Carsten Wrosch und Kollegen zeigen mit ihrer Forschung zu Goal Disengagement und Goal Reengagement, dass auch das Loslassen unerreichbarer Ziele und die Hinwendung zu neuen Zielen Bestandteile adaptiver Selbstregulation sein können.

Die psychologische Perspektive lässt sich damit so zusammenfassen:

Handle konsequent bei dem, was du beeinflussen kannst – und bleibe flexibel, wenn du neue Informationen bekommst.

Effectuation: Wenn sich sogar das Ziel entwickeln darf

In der Entrepreneurship-Forschung begegnet uns eine ähnliche Logik als Effectuation.

Saras Sarasvathy unterscheidet in ihrer grundlegenden Arbeit von 2001 zwischen Causation und Effectuation.

Klassische Planung fragt:

„Ich kenne mein Ziel – welche Mittel brauche ich dafür?“

Effectuation dreht die Perspektive um:

„Ich kenne meine verfügbaren Mittel – was kann ich damit erreichen?“

Sarasvathy entwickelte diesen Ansatz in den folgenden Jahren weiter und systematisierte ihn insbesondere in ihrem Buch Effectuation: Elements of Entrepreneurial Expertise (2008). Mit Effectuation werden heute fünf Prinzipien verbunden:

  • Bird in Hand: mit vorhandenen Mitteln beginnen
  • Affordable Loss: nur Risiken eingehen, deren möglicher Verlust verkraftbar ist
  • Crazy Quilt: Partnerschaften eingehen und gemeinsam neue Möglichkeiten schaffen
  • Lemonade: Überraschungen produktiv nutzen
  • Pilot in the Plane: sich auf den gestaltbaren Teil der Zukunft konzentrieren

Der entscheidende Gedanke geht dabei noch über „flexibler Weg“ hinaus:

Unter hoher Unsicherheit kann sich durch Handeln, neue Partner und Lernen sogar das Ziel weiterentwickeln.

Statt die Zukunft möglichst genau vorherzusagen, versucht Effectuation, den beeinflussbaren Teil der Zukunft aktiv mitzugestalten.

Beyond Budgeting: Flexibilität auf Organisationsebene

Eine ähnliche Denkfigur findet sich im Beyond Budgeting.

Klassische Unternehmenssteuerung versucht häufig, die Zukunft in Jahrespläne, Budgets und Zielwerte zu übersetzen. Je dynamischer die Umwelt, desto schneller veralten jedoch die Annahmen, auf denen diese Pläne beruhen.

Beyond Budgeting bedeutet deshalb keineswegs, auf Planung zu verzichten. Stattdessen werden Dinge voneinander getrennt, die klassische Budgets häufig miteinander vermischen: Zielsetzung, Prognose, Ressourcenallokation und Leistungsbewertung.

Rolling Forecasts können aktualisiert werden, wenn neue Informationen vorliegen. Ressourcen werden flexibler eingesetzt. Entscheidungen werden stärker dezentralisiert. Relative Ziele können starre absolute Vorgaben ersetzen.

Die Organisation erhält damit Orientierung, ohne den zukünftigen Weg vollständig festzuschreiben.

Ein gemeinsames Muster

Psychologische Selbstregulation, Effectuation und Beyond Budgeting sind keine Varianten derselben Theorie. Sie stammen aus unterschiedlichen Forschungs- und Anwendungskontexten und sollten auch nicht nachträglich zu einer gemeinsamen Theorie erklärt werden.

Trotzdem beschäftigen sie sich mit Varianten einer erstaunlich ähnlichen Frage:

Wie bleiben Menschen und Organisationen handlungsfähig, wenn sie die Zukunft nicht vollständig vorhersehen und kontrollieren können?

Aus den drei Perspektiven lässt sich eine gemeinsame Handlungslogik ableiten:

Orientieren → Handeln → Beobachten → Lernen → Anpassen

Damit verschiebt sich die Denkweise von

Predict → Plan → Execute → Control

zu

Orient → Act → Sense → Learn → Adapt

Pläne verschwinden dabei nicht. Aber ihr Status verändert sich.

Ein Plan ist der derzeit beste bekannte Weg unter den derzeit bekannten Bedingungen – nicht die Zukunft.

Fünf Fragen für die Praxis

1. Was wollen wir eigentlich erreichen?
Ziel und derzeit bevorzugten Lösungsweg auseinanderhalten.

2. Was können wir jetzt beeinflussen?
Handlungsfähigkeit nicht von vollständiger Vorhersagbarkeit abhängig machen.

3. Was ist der nächste sinnvolle Schritt?
Aus Überlegungen Handlungen machen und dadurch neues Wissen erzeugen.

4. Was haben wir seit unserer letzten Entscheidung gelernt?
Neue Informationen nicht nur als Planabweichung, sondern als Erkenntnis behandeln.

5. Was würden wir heute anders entscheiden, wenn unser alter Plan nicht existieren würde?
Verhindern, dass vergangene Entscheidungen zukünftige Handlungsmöglichkeiten unnötig blockieren.

Handlungsfähigkeit statt Kontrollillusion

Vielleicht ist deshalb „Klares Ziel, flexibler Weg“ noch nicht die ganze Geschichte.

Die drei Perspektiven legen gemeinsam eine etwas umfassendere Haltung nahe:

Klare Orientierung. Konsequentes Handeln. Kontinuierliches Lernen. Flexible Wege.

Dabei geht es weder um Planlosigkeit noch darum, Ziele beim ersten Widerstand aufzugeben.

Es geht darum, zwischen dem zu unterscheiden, was wir beeinflussen können und was wir lediglich prognostizieren.

Wir können Ziele setzen. Wir können Entscheidungen treffen. Wir können handeln. Wir können unsere Aufmerksamkeit lenken, Partnerschaften eingehen, Experimente durchführen und aus den Ergebnissen lernen.

Was wir nicht können, ist die Reaktion einer komplexen Umwelt vollständig vorhersehen.

Deshalb könnte die eigentliche Leitidee lauten:

Nicht versuchen, die Zukunft zu kontrollieren. Die eigene Handlungsfähigkeit unter Unsicherheit erhöhen.


Literatur

Bandura, A. (1997): Self-Efficacy: The Exercise of Control. W. H. Freeman.

Gollwitzer, P. M. (1999): Implementation Intentions: Strong Effects of Simple Plans. American Psychologist, 54(7), 493–503.

Moskowitz, G. B. (2002): Preconscious Effects of Temporary Goals on Attention. Journal of Experimental Social Psychology, 38(4), 397–404.

Wrosch, C., Scheier, M. F., Miller, G. E., Schulz, R. & Carver, C. S. (2003): Adaptive Self-Regulation of Unattainable Goals: Goal Disengagement, Goal Reengagement, and Subjective Well-Being. Personality and Social Psychology Bulletin, 29(12), 1494–1508.

Sarasvathy, S. D. (2001): Causation and Effectuation: Toward a Theoretical Shift from Economic Inevitability to Entrepreneurial Contingency. Academy of Management Review, 26(2), 243–263.

Sarasvathy, S. D. (2008): Effectuation: Elements of Entrepreneurial Expertise. Edward Elgar., siehe auch schlossBlog

Hope, J. & Fraser, R. (2003): Beyond Budgeting: How Managers Can Break Free from the Annual Performance Trap. Harvard Business School Press.

Beyond Budgeting Round Table (BBRT): Beyond Budgeting Principles.

KI Hinweis

Dieser Beitrag entstand in einem Dialog mit der KI. Nein eigentlich im Dialog mit mehreren KIen, denn was ich ursprünglich mit ChtaGPT ausgearbeitet habe, habe ich mit Claude verifiziert und einem Faktencheck unterzogen, dessen Ergebnis wiederum von ChatGPT eingearbeitet wurde. Im ganzen Prozess gab es den Human in the Loop, der (1) die Idee zum Beitrag hatte, (2) zentrale Themen und Bausteine identifiziert hat und (3) die Qualitätssicherung und den Faktencheck sichergestellt hat.

PMBOK V. 7 vs. V. 8

Ich hatte gerade einen interessanten Dialog mit der KI (ChatGPT). Die alte Ausgabe des PMBOK (V. 7 ) habe ich hier schon besprochen. Damit verbunden war eine klare Kontextorientierung, die bisherige Prozessorientierung wurde nicht aufgegeben, aber wanderte in die Anhänge.

Mit der 8. Version kommt ein verzweifelter Rollback.

Aber zu meinem Dialog mit der KI:

ICH: Böse interpretiert würde ich das als ein feiges Zurückrudern einordnen. Die theoretisch/generische Prozessorientierung kommt zurück in den Fokus und weicht den kontextspezifischen Ansatz aus der Vorversion auf. Wie siehst du das?

ChatGPT: Okay. Deine Lesart ist gut begründbar. Ich würde sie nur etwas präzisieren: PMBOK 8 ist weniger ein vollständiges Zurückrudern als ein politisch und kommerziell motivierter Kompromiss, der den konzeptionellen Mut von PMBOK 7 deutlich abschwächt.
PMBOK 7 hatte eine starke, wenn auch unbequeme Botschaft:
Professionelles Projektmanagement lässt sich nicht durch einen universellen Katalog von Prozessen beschreiben. Es muss aus Prinzipien, Kontext, gewünschter Wirkung und situativen Entscheidungen heraus gestaltet werden.
[…]

ICH: Also weil die Zielgruppe zu „blöd“ ist ein zurückrudern, um mehr Akzeptanz zu finden?

ChatGPT: Okay. Zugespitzt: Ja – PMI traut seiner eigenen Zielgruppe offenbar nicht zu, mit einem konsequent kontextorientierten Standard produktiv zu arbeiten. „Zu blöd“ trifft es trotzdem nicht ganz.
Das Problem liegt auf drei Ebenen:

Das PMI-Geschäftsmodell braucht vermittelbare Inhalte.
Zertifizierungsprüfungen, Schulungen und Lehrmaterial funktionieren besser mit benennbaren Domains, Prozessen und Zuordnungen als mit situativer Urteilskompetenz. Kontextkompetenz lässt sich schlechter standardisieren und prüfen.

Viele Anwender wollen Eindeutigkeit.
Prinzipien und Kontextentscheidungen verlangen Urteilskraft. Prozessmodelle liefern scheinbar klare Antworten: Was kommt wann, wer macht es, welches Artefakt entsteht? Das vermittelt Sicherheit, selbst wenn sie fachlich trügerisch ist.

Organisationen wollen Standardisierung.
PMOs, Beratungen und große Unternehmen brauchen Prozesse, Rollenmodelle, Templates, Audits und Toolkonfigurationen. Ein Standard, der im Kern sagt „Es kommt darauf an“, lässt sich schwer operationalisieren und kontrollieren.

[…]

PMI reagiert darauf, dass ein erheblicher Teil seines Marktes verbindliche Orientierung mit konkreten Prozessen verwechselt – und bedient dieses Bedürfnis, statt die notwendige Kontext- und Urteilskompetenz weiterzuentwickeln.

[…]

Noch schärfer formuliert: Nicht die Zielgruppe ist zu blöd. PMI behandelt sie wie eine Zielgruppe, der man keine anspruchsvolle professionelle Urteilsbildung zumuten kann – möglicherweise, weil sich regelorientierte Sicherheit besser verkauft als reflektierte Unsicherheit.

P.S. noch als kleiner Anhang, die Gegenüberstellung von V. 7 und V. 8

Inhaltliche Verschiebung

PMBOK-7-PrinzipBehandlung in PMBOK 8
Stewardshipvor allem „Be an Accountable Leader“ und Governance
Team„Build an Empowered Culture“ und Resources Domain
StakeholderStakeholders Domain
Wert„Focus on Value“ und Governance Domain
Systemdenken„Adopt a Holistic View“
Leadership„Be an Accountable Leader“
Tailoringeigenes Tailoring-Kapitel und Tailoring je Domain
Qualität„Embed Quality …“, Scope und Governance
Komplexitätganzheitliche Sicht, Risiko und Tailoring
RisikenRisk Domain
Anpassungsfähigkeit und ResilienzTailoring, Risk Domain und Entwicklungsansätze
VeränderungWertorientierung, Stakeholder und Governance
Nachhaltigkeiterstmals eigenes, ausdrückliches Prinzip

Table of Elements: Neue Homepage

Die neue Homepage der Table of Elements ist live.

Highlight sind die Detailseiten zu den einzelnen Elementen. Die detaillierten Schritt für Schritt Anleitungen und mehr Informationen gibt es darüber hinaus in der iOS App PM Elements und in unserem Buch (englische Version in Vorbereitung).

Im Rahmen der Überarbeitung haben wir unseren Poster-Shop geschlossen. Alternativ steht dafür der neue Download-Bereich bereit: Unser Periodensystem gibt es jetzt kostenlos als PDF-Download – in Englisch und Deutsch.

Und noch ein Zuckerl gibt es on Top: Neben dem Methodensystem steht auch ein Projekt Canvas bereit zum Download. Aber dazu demnächst noch mehr.

Fortschritte in der Bildgenerierung mit KI

Für die Table of Elements haben wir eine Reihe von Marketing Grafiken, die wir vor allem auf unserem LinkedIn-Kanal nutzen mit ChatGPT generiert. Gerade bei den zuletzt generierten Grafiken zeigt sich die Entwicklung der KI in diesem Bereich: Die Treffsicherheit bei der Umsetzung der Prompts ist höher, die Grafiken sind viel „fein-granularer“, was ein kleines bisschen doof ist, weil die neue Generation jetzt optisch schon ein bisschen anders aussieht als die ersten Grafiken, obwohl alles im gleichen Projekt läuft und eigentlich die Anschlussfähigkeit klar sein sollte.

Während ich bei der alten Bildgenerierung damit kämpfen musste, dass ich immer älter und älter wurde, während mein Kollege Botta immer jugendlich jung dargestellt wurde, profitieren wir jetzt wenigstens beide vom digitalen Jungbrunnen.



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