Gelesen: From the back of the… AAL

Sharon L. Bowman, Training form the BACK of the Room!, 65 ways to step aside and let them learn, San Francisco 2009

Christa Weßel, andere arbeiten lasssen…, Lernen und Lehren an Hochschulen mit dem AAL, Frankfurt 2019

Also eine Doppelrezension. War gar nicht so geplant, aber hat sich so ergeben – zufällig.

Beide Bücher verbindet eine zentrale Idee für das Lehren und Lernen. Was Bowman mit dem Zurückziehen des Trainers „in the back of the room“ meint, heißt bei Christa Weßel: „andere arbeiten lassen“.

Lernen muss jeder selbst und am wirkungsvollsten ist Lernen aus eigenen Erfahrungen, also nicht frontal vorgekaut oder per Nürnberger Trichter eingebläut, sondern erlebt und verstanden. Gehirngerecht ist da ein Stichwort. Soviel zu den Gemeinsamkeiten der beiden Bücher.

Bowman ist gerade schwer angesagt im Train the Trainer-Segment, das Buch ist gefällig aufbereitet. Zentral ist ihr 4-C-Ansatz, den jedes Training bedienen sollte:

(1) Connections
(2) Concepts
(3) Concrete Practice
(4) Conclusions

Dagegen gibt es wenig einzuwenden, aber eigentlich ist er auch nur geklaut, wie sie selbst schreibt und das Accelerated Learning von Dave Meier mit einem 4-P-Ansatz zitiert:

(1) Preparation
(2) Presentation
(3) Practice
(4) Performance

Der Mehrwert der Cs gegenüber den Ps erschließt sich mir nicht wirklich. Vermutlich vor allem Marketing. Ich finde das Vorgehen eher dreist.

Konsequenterweise wird 4-C auch im Buch selbst – quasi rekursiv – angewendet – womit die Autorin dem Leser keinen Gefallen tut, weil die explizite Behandlung von Connections zu Connections, Concepts zu Connections, … schnell unübersichtlich wird. Da hätte ich mir eine subtilere Anwendung gewünscht. In dieses Schema eingefügt finden sich dann die 65 Bausteine. Soweit, so gut.

Ganz anders bei Christa Weßel. Wie der Titel schon verrät zielt sie insbesondere auf die Lehre im akademischen Bereich. Auch wenn ich da dann irgendwann ausgestiegen bin, weil mir das akademische Anwendungsszenario fehlt. Aber das ist keine Kritik, denn auf dem Etikett wird ja darauf hingewiesen. Die Aufbereitung finde ich ein gutes Stück fundierter als bei Bowman – nicht so weich gespült. Allerdings hat der AAL ein ganz erhebliches Manko: Er referenziert extrem auf Christa Weßels wunderbare Reihe Elche fangen, die ich auch hier schon vorgestellt habe. Für mich, der die Reihe im Schrank stehen hat, völlig ok, aber in puncto Leser dürfte sich Christa Weßel damit keinen Gefallen getan haben, denn die Zielgruppen von AAL und Elchen sind nicht unbedingt deckungsgleich. Mich hat sie aber weit mehr erreicht als die – Verzeihung – in meinen Augen etwas überbewertete Sharon Bowman.

Gelesen: Projekte spielend…

Selten ist mir eine Buchbesprechung so schwer gefallen, wie diese:

Eva Prader, Urs Andelfinger, Andrin Rüedi, Projekte spielend zum Erfolg führen: Orientierungshilfen (und Irritationen) für erfahrene Projektverantwortliche, Wiesbaden 2019

Gute Autoren, lesenswerter Inhalt und doch gefällt mir das Buch nicht und ich fürchte, das hat der Verlag verbockt oder zumindest hätte er das im Lektorat retten können. Nein, ich rede nicht von Rechtschreibfehlern oder einem schlampigen Satz – in der Hinsicht ist mir nichts aufgefallen, was zu beanstanden wäre. Meine Kritik bezieht sich vielmehr auf das Buchkonzept, denn in dem Werk steckt nicht ein Buch, sondern es stecken gleich mehrere, aber irgendwie ist dann jedes einzelne unbefriedigend.

Aber zurück auf Anfang: Bei dem Titel hätte ich ein „Playbook“ im amerikanischen Sinne erwartet. Das Playbook einer Sportmannschaft beschreibt ihre Spielphilosophie und ihre taktischen Spielzüge. Diese Konzept auf das Projektmanagement zu übertragen hat mein Interesse geweckt. Bei der Lektüre hatte ich aber bis kurz vor Schluss nicht das Gefühl ein solches Buch in Händen zu halten, genau gesagt bis Kapitel 12, wo das dann in komprimierter Form kommt. Auch wenn Kapitel 12 „nur“ Inhalte aus dem Buch zusammenfasst, kommt bei der Lektüre bis dahin nicht wirklich das Gefühl eines Playbooks auf. Das ist zum Einen dem Springer-Wissenschaftsformat geschuldet, das das Buch quasi in eine Reihe wissenschaftlicher Aufsätze aufteilt, aber auch der Verwendung der Spielmetapher, die ich in dieser Form nicht geglückt finde. Sie greift weder das oben beschriebene Sportspiel auf, noch nimmt sie nennenswert Bezug zu Gamification und Serious Play. Vielmehr wird das Projektspiel als eine Art Brettspiel beschrieben. Schön und gut, aber irgendwie hatte ich das Gefühl, das das lediglich als coolerer Begriff für ein schnödes Phasenmodell herhalten musste (Projekte mit einem Phasenmodell zum Erfolg führen hätte ich vermutlich auch nicht gekauft). Metaphern wie Spielphilosophie, Taktik und Spielzüge hätte ich mir besser ausgeführt gewünscht. Auch die Idee der Ressourcenkarten, deren Inhalte ohne Beanstandung sind, aber deren Erläuterung in der Spielmechanik mir gefehlt hat.

Ich sprach von mehreren Büchern. Das fängt auf dem Buchrücken an: Das Projektmanagement-Playbook erhält plötzlich eine Einschränkung auf IT-Projekte (auch wenn das IT zunächst noch in Klammern gesetzt wird). Während auf dem Titel davon noch nicht die Rede ist, wird es im Inneren noch schlimmer: Plötzlich ist insbesondere von Digitalisierungsprojekten die Rede.

Das Schlimmste ist: Diese Einschränkungen hat das Buch überhaupt nicht nötig! Das sind Punkte, bei denen ich als Leser eher ein Buzzword-Marketing des Verlages vermute. Schade drum.

Wir haben also ein Projektmanagement-Playbook, ein IT-Projektmanagement-Buch, ein Digitalisierungsbuch und dann lese ich das Geleitwort und fürchte schon einen Therapie-Ratgeber in Händen zu halten.

Bitte nicht missverstehen, die vermeintliche Buchidee hat mich angesprochen, die Inhalte sind gut. Ich habe selten so viel Kluges über Organisationstheorie und Psychologie im Kontext von Projekten gelesen, wie hier. Ich habe jede Menge Input für mich herausziehen können, aber die Umsetzung des Buchkonzepts finde ich nicht stimmig.

Von den Abbildungen im Buch ist bei mir insbesondere eine hängen geblieben: Das Service Owner Team. Die Darstellung würde ich als etwas nebulös und „schmutzig“ bezeichnen, was aber keineswegs als Kritik gemeint ist, ganz im Gegenteil: das ist Ausdruck der Komplexität, die das Zusammenspiel von Stammorganisation, Projektorganisation und IT-Organisation visualisiert. Mein Kompliment für den Mut, darauf zu verzichten ein solches Bild stromlinienmförmig anzupassen.

Ich hoffe, dieser Beitrag wird meiner eingangs beschriebenen Zerrissenheit gerecht. Kluge Köpfe, kluger Inhalt, aber vermutlich zuviel gewollt. Einerseits würde ich gerne eine Leseempfehlung aussprechen, aber nicht für jedermann. Das Buch ist nicht nur zum Rosinenpicken geeignet, sondern es ist ein Rosinenkuchen, auch wenn der schon wieder in viele Krümmel aufgelöst ist. Projektmanagement-Einsteigern würde ich eher abraten, alte Hasen werden aber noch erstaunlich viel finden. Praxisbezug wäre auch ohne die unnötige Einschränkung auf die Digtalisierung gegeben: Ich hatte bei keinem einzigen Praxistipp etwas einzuwenden.

Nun denn… Entscheidet selbst.

Gelesen: Visual Thinking

Also eine ganz spannende Lektüre!

Visualisierung ist ja eines meiner Steckenpferde. Und in der Anwendung  ist mir Williem Brand sehr nah! Denn es geht nicht um Grafik, sondern um Anwendungsszenarien! In diesem Sinn bin ich ganz auf einer Wellenlänge mit ihren Büchern, ihrer Philosophie. Visual Thinking ist kein Selbstzweck, sondern es geht immer um die Anwendung!

Da sind diese beiden Bücher ganz auf der Linie von Business Visualisierung.

Wie kein anderes Buch schafft Williem den Brückenschlag von Anleitung und Beispiel bishin zur Umsetzung in Methoden,.

Es geht um die Anwendung, Anwendung, Anwendung.

Als Buch – optisch, haptisch – sowieso geil!

Leider ist das Visual Doing etwas nachgeschoben – wahrscheinlich dem Erfolg des Visual Thinking geschuldet. Beides tolles Bücher, aber nicht ganz überschneidungsfrei.

Echtes Manko in meinen Augen: Das Festhalten am dreispaltigen Layout bei den Methodenbeschreibungen, da vermisse ich Struktur. Da geht viel verloren – eigentlich ein Widerspruch zu den eigenen Ansprüchen.

Ansonsten eine echte Empfehlung, auch wenn das eher eine Zufallsentdeckung war.

Willemien Brand, Visual Thinking, Amsterdam 2017
Willemien Brand, Visual Doing, Amsterdam 2019

Gelesen: Innovationstheater

Als bibliophiler Mensch habe ich mit großem Vergnügen Jean-Philippe Hagmanns „Hört auf, Innovationstheater zu spielen!“ gelesen.

Ich muss gestehen, schon der erste optische Eindruck hat mich zum Kauf verführt und ich habe es nicht bereut, denn der Autor setzt sich kritisch und intelligent mit den Thema Innovoation auseinander, liefert klare Vorstellungen und Konzepte, genauso wie anregende Beispiele.

Eine wirklich wertvolle Lektüre.

Aber genug der Lobhudelei, denn an zwei Stellen möchte ich dem Autor ganz massiv widersprechen:

(1) Innovationsabteilungen zur Avantgarde zu erklären ist Selbstverliebtheit und erschreckend überheblich. Innovation braucht kindliche Neugierde, aber kein überzogenes Selbstwertgefühl und Arroganz.

(2) So richtig die Unterscheidung von inkrementeller und radikaler Innovation auch sein mag, die dreidimensionale Darstellung im Buch weckt meinen Widerspruch. Der Autor beschreibt das Innovationsspektrum in einem Schema (*eigene Grafik in Anlehnung an J-P.H.):

Zu einer idealen Lösung wird man durch inkrementelle Verbesserungen nicht gelangen, so der Autor.  Weil Mauern uns im blauen Bereich zurückhalten werden.

Ich glaube dieses Bild ist falsch!

Nicht dass ich die Grenzen inkrementellen Vorgehens anzweifeln möchte, sondern wirklich radikale Innovationen, das was man als disruptive Entwicklungen bezeichnen würde, findet man im Bild nicht rechts oben. Disruptive Innovationen eröffnen einen neuen Raum – ein Paralleluniversum! Sie sprengen unsere Vorstellungskraft und finden nicht in diesem Bild statt!

Aber um die Kritik wieder gerade zu rücken: Das Buch bitte trotzdem lesen. Es macht nicht nur Spaß, sondern ist auch intelligent! Und wie gesagt der Bibliophile in mir mag handwerklich dieses Buch (einen lieben Gruß an Ralf, meinen eigenen Verleger!)

Es beschreibt Innovation in einem Spannungsfeld von Freiraum und Tagesgeschäft, betrachtet die erforderlichen Rollen und Aufgaben, das notwendige Prozessverständnis, aber vor allem die Voraussetzungen in Kultur und Mindset.

Neben vielen Beispielen und Anekdoten werden 12 Leitsätze der Innovation mitgegeben:

  1. Regeln brechen
  2. Perspektiven wechseln
  3. Problem lieben
  4. Risiken eingehen
  5. Viele Ideen produzieren
  6. Störfaktoren begrüßen
  7. Mit den Händen denken
  8. Geschichten erzählen
  9. Lieblinge begraben
  10. Fachgrenzen überschreiten
  11. Vorschussvertrauen schenken
  12. Anfängerin bleiben.

Rollen und Prozess werden stringent entwickelt und beschrieben.

Also: eine ganz klare Empfehlung und der Widerspruch als Herausforderung!

Jean-Philippe Hagmann, Hört auf, Innovationstheater zu spielen! : wie etablierte Unternehmen wirklich radikal innovativ werden, München 2018

Gelesen: Elche fangen…

Im Frühjahr habe ich Christa Weßel am Rande einer Veranstaltung der Gesellschaft für Informatik in Frankfurt kennengelernt. Und als „die Autoren“ sind wir dann wie Waldorf aund Settler in den Vorträgen gesessen und haben sie wechselseitig kommentiert. Ja, wir hatten Spaß.

Ihre Bücher kannte ich bis dahin noch nicht und hatte auf der Veranstaltung auch nicht mehr Zeit als für einen ersten Blick. In der Folge habe ich aber die ausführliche Lektüre nachgeholt. Es hat sich gelohnt. Christa Weßels Reihe „Elche fangen… Basiswissen für Berater und Führungskräfte“ ist hervorragend. So etwas hätte ich mir vor 20 Jahren zu lesen gewünscht, dann hätte ich mir nicht so viel autodidaktisch beibringen müssen.

Nein, ich gehöre wahrscheinlich nicht zur Zielgruppe, aber die Lektüre hat sich trotzdem gelohnt, zum einen als Reflexion (mit dem beruhigenden Ergebnis, dass ich doch nicht so viel falsch gemacht habe) und zum anderen bereichert um eine alternative Perspektive von einer Autorin, die nicht klassisch dem Sumpf aus BWL und IT entstiegen ist, sondern ihre eigene Geschichte mit Wurzeln aus der Medizin mitbringt. Demzufolge gibt es auch erfrischend „andere“ Beispiele.

Zunächst zu den Elchen:

Die Elche von denen Christa Weßel durchgehend spricht, sind die Tabuthemen unseres sozioökonomischen Kosmos, um die wir uns winden wie ein Aal:

  • Macht
  • Karriere
  • Beziehungen
  • Fehler

Und mit all diesen Elchen werden wir im Beratungsgeschäft oder als Führungskräfte konfrontiert.

Was Beraten überhaupt heißt, darum geht es in Band 1.

In Band 2 geht es um die Menschen… und um Kommunikation. Christa Weßel rät: Greifen wir zum Äußersten – reden wir miteinander.

Band 3 referenziert auf ausgewählte Werkzeuge.

Und in Band 4 (Entdecken) geht es um Beobachtungen, Interviews und Fragebögen – mein persönliches Highlight in der Reihe, aber nur deshalb, weil mir die Inhalte von Band 1-3 schon selbstverständlich in Fleisch und Blut übergegangen sind. Sie haben mich nicht wirklich überrascht, sind aber ein solides und kompaktes Kompendium. Mit dem empirischen Werkzeugen für das Feld hingegen hatte ich in meiner eigenen Laufbahn noch nicht so viele Begegnungspunkte, umso anregender und lehrreicher war hier die Lektüre für mich.

Neben dem Praxiswissen liefert die Autorin auch zahlreiche Beispiele und eine ganze Reihe wertvoller Reflexionen.

Die Grafiken in der Reihe sind… mutig.
Minimalistisch reduziert Christa Wessel die Darstellungen auf handschriftliche Bleistiftzeichnungen. In unserer medialen Welt ungewöhnlich, aber vollkommen ausreichend,  da die Inhalte auf ihre Essenz reduziert werden. Die eine oder andere ist aber aufgrund des schwachen Bleistift-Kontrasts nicht ganz einfach zu lesen.

Inhaltlich bleibt mit kaum eine Kritik an der Reihe. Persönlich gefällt mir nicht, wie sie die Boston-Consulting-Matrix mit der SWOT-Matrix kombiniert. Pareto und ABC-Analyse beruhen zwar auf ähnlichen Ideen, deren Kombination ist zwar Praxis-tauglich, aber dass es sich um unabhängige Konzepte handelt geht etwas unter. Bei den Mindmaps hätte ich mir noch einen Hinweis auf elektronische Mindmaps gewünscht (aber wahrscheinlich nur, weil ich die selber so mag). Und bei Entscheidungsmatrizen hätte ich gerade, weil ich die Autorin kennen lernen durfte, ein paar kritischere Worte erwartet. Diese Aufzählung kommt mir beim Schreiben selber kleinkariert vor und sie täuscht über meinen Gesamteindruck etwas hinweg – der ist nämlich hervorragend. Sogar so gut, dass ich bereits ihre neues Buch über die akademische Lehre, was eigentlich nicht ganz so in mein Metier fällt, vorbestellt habe.

Und statt bibliographischer Angaben hier der Link zum Shop des Weidenborn-Verlags.

Gelesen: #PM2025

Heiko Bartlog und Olaf Hinz sind zwei von mir sehr geschätzte Kollegen, die gerade das Buch „#PM2025 Projekte. Gut. Machen.“ mit 7 Thesen zur Zukunft der Projektarbeit herausgebracht haben. Aber keine Angst, das Buch ist bei weitem nicht so Theorie geschwängert, wie es der Titel vielleicht vermuten lässt. Die 7 Thesen bieten vielmehr die Gliederung für einen prall gefüllten Werkzeugkasten für die aktuellen Herausforderungen nicht nur in der Projektarbeit, sondern generell in der modernen Arbeitswelt. Projekte und Projektmanagement bilden den Ausgangspunkt ihrer Betrachtung und das prinzipienbasierte Projektmanagement am Ende des Buches ist quasi das Programm, wie wir uns diesen Herausforderungen stellen sollten.

Die 7 Thesen zeigen Entwicklungstendenzen auf und dann wird jeweils ein Korb mit 8-10 Werkzeugen angeboten, die bei der Auseinandersetzung mit diesen Entwicklungen in der praktischen Projektarbeit helfen. Entgegen dem ersten Augenschein ist das Buch daher vor allem für Praktiker:

– die sich zunehmend in ihrer Projektarbeit mit komplexen Systemen und nicht nur mit komplizierten Anforderungen auseinandersetzen müssen

– die dabei zunehmend eine planbare Welt verlassen und Pionierarbeit leisten müssen

– die einerseits immer mehr Dinge parallel statt sequentiell machen müssen und das nicht allein, sondern im Team

– die feststellen, dass unsere Probleme und Aufgabenstellungen sich immer weniger abgrenzen lassen, weil wir in der Regel mit offenen anstatt mit geschlossenen Systemen konfrontiert sind

– die für ihre Arbeit mehr brauchen als „nur“ Management, nämlich Führung

– die feststellen, dass es nicht reicht sich auf Standards zurückzuziehen, sondern die ganzheitliche Integration als ihre Herausforderung sehen

Die Vielzahl der beschriebenen Werkzeuge reicht von Canvas-Modellen, Prototyping, Effectuation bis hin zu Working Out Loud und Facilitation (wobei eigentlich fast alle Werkzeuge Facilitation-Techniken sind). – Also ganz mein Ding!

Die grafische Gestaltung macht Lust, das Buch in die Hand zu nehmen. Eine Vorschau zum Reinschmöckern gibt es auf den Seiten des mind.any Verlages.

Heiko Bartlog, Olaf Hinz, #PM2025 – Projekte. Gut. Machen. – 7 Thesen zur Zukunft der Projektarbeit., Berlin, 2018, ISBN 978-3-9819917-1-0, Link zu Amazon

Gelesen: Immer wieder einmalig

Doris Helzle, Immer wieder einmalig – Erfolgreich in Projekten – pfiffig und kompakt, Saulheim 2016

Das kleine Büchlein von Doris Helzle ist eine humorvolle Projekt-Fibel mit wunderbaren Zeichnungen von André Poloczek (meine Favoriten sind das Reiten des toten Pferdes und der Sprung ins Neue/Unbekannte).

Doris Helzle weiß worauf es ankommt und deswegen stehen statt Methoden die Kommunikation und das Zwischenmenschliche im Vordergrund – da bin ich ganz bei ihr!

Sie hat wunderbare Bilder (nicht nur die von André Poloczek, sondern auch im übertragenen Sinne) für uns bereit: Seien es Lampe und Papierkorb mit ihren launigen Dialogen im Projektbüro oder das perfekte Verbrechen als Projektmetapher.

Einzig in einem Punkt tue ich mich schwer: Wem sollte ich diese Büchlein, das so schön gemacht ist, empfehlen?

Alten Projekthasen? Die würden Doris Helzle gleich zustimmen und am liebsten bei einem Bierchen mit der Autorin Projektanekdoten austauschen, aber etwas wirklich Neues würde ihnen nicht geboten.

Newbies? Da habe ich etwas Bedenken, denn sehr schnell geht die Autorin über elementare Begriffe hinweg und setzt das eine oder andere Mal vielleicht etwas mehr voraus, als man von dieser Zielgruppe erwarten darf. Klar weckt die Lektüre Appetit, aber für eine Einführung ist es dann doch etwas dünn.

Zyniker? Nein, dafür ist die Autorin zu pragmatisch.

Melancholiker? Vielleicht am Ehesten. So in den tiefen Abgründen eines Projekts, abends nach getaner Arbeit, um sich gemeinsam mit gleichgesinnten „auszukotzen“? Nun, dann vielleicht doch lieber auf ein Bierchen mit Doris Helzle…

Trotz allem, aber ein schön gemachtes Buch, das bei der Lektüre ein Schmunzeln ins Gesicht zaubert!

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#680 Gelesen: Quiet Leadership

 

Quiet Leadership – Wie man Menschen und Spiele gewinnt; Ancelotti, Carlo. – München : Albrecht Knaus Verlag, 2016

Heute Abend ist SuperCup und die neue Bundesliga-Saison steht vor der Tür. Passend zum Start ist ein Buch zum Thema Führung des neuen Bayern-Trainers Carlo Ancelotti erschienen. Wobei – wahrscheinlich ist es mehr ein Buch über als von Ancelotti, denn ob er selbst auch nur eine Zeile zu Papier gebracht hat darf bezweifelt werden. Das Oeuvre ist wohl eher von geschickten Ghostwritern aus Interviewsessions und Gastbeiträgen zusammenkompiliert. Das mag die Autorenschaft in Frage stellen, nicht aber das Gedankengut. Zugegeben: Ein bisschen zu viel Lobhudelei, wenn Weggefährten über Ancelotti schreiben. Vielleicht sind die Ideen auch nicht wirklich innovativ. Aber gerade die Einfachheit, die hinter Ancelottis Quiet Leadership steht, ist in Zeiten wie diesen mit grölenden oder besserwisserischen und manchmal menschenverachtenden Managementvertretern angenehm unspektakulär. Ja, fast schon vernünftig! Eher gesunder Menschenverstand als polemische Managementrhetorik.

Denkt man an cholerische Exzentriker á la Mourinho oder Konzeptfussballer á la Guardiloa, dann erscheint einem bei der Lektüre Ancelotti als souveräner, kluger Kopf. Ein Familienmensch, denn das Team ist eine Familie und da kommt es mitunter mehr auf ein gemeinsames Mittagessen an, als auf die perfekte Fußballidee, denn die Chemie muss stimmen. Und ein Charakterkopf und Gentleman scheint er auch zu sein.

Aber fast schon wieder zu viel des Lobs. Vielleicht bin ich den Ghostwritern in die Falle getappt. Natürlich ist es ein Konzeptbuch (wie Konzeptfußball), natürlich gibt da jemand seinen Namen dafür her, aber die Lektüre hat mir dennoch gefallen, weil sie sich angenehm von der gegenwärtigen Managementpraxis abhebt und mir Lust bereitet, den Trainer und Menschen Ancelotti in der kommenden Bundesligasaison (medial) zu beobachten.

#649 Gelesen: Projektsaboteur

Dion Kotteman, Jeroen Gietema: Das kleine Handbuch für den Projektsaboteur, 1. Auflage, Weinheim 2010, ISBN 978-3527505258 mittlerweile in der zweiten Auflage ISBN 978-3527507726 erschienen 2014

Beim Abarbeiten des Bücherstapels neben meinem Bett kam jetzt endlich auch das Handbuch für Projektsaboteure zum Zug. Ehrlich gesagt war ich von der Lektüre enttäuscht, denn die zunächst witzige Idee, sich nicht mit dem Erfolg von Projekten, sondern mit deren vorsätzlichen Scheitern zu beschäftigen, trägt nicht ein ganzes Buch. Eine Kolumne, ein Blogpost oder ein Artikel bitte gerne. aber nicht ein ganzes Buch!

Ich vermisse Stichworte wie Hidden Agenda oder Principal-Agent, aber zur Fundierung muss mal wieder der gute alte Maslow herhalten, dessen Bedürfnis-Pyramide, so gerne sie zitiert wird,   leider den Stand der Psychologie der 60er und 70er Jahren entspricht. Weil sie so schön eingängig ist wird sie weiterhin allerorten als Beleg angeführt. Bitte dies nicht als Kritik an Maslow missverstehen, die Bedürfnispyramide war in der Motivationspsychologie ein Meilenstein, aber rund 30 Jahre später sie unreflektiert als zentrale Argumentationsbasis anzuführen, spricht nicht für die Autoren.

An und für sich liest sich das Büchlein ganz nett, aber aufgrund seiner Schwächen, ist es für mich keine Leseempfehlung.

#639 Gelesen: Das Neue Spiel

Michael Seemann, Das neue Spiel: Strategien für die Welt nach dem digitalen Kontrollverlust, Berlin, Freiburg 2014, ISBN 978-3936086799

Michael Seemann bloggt nicht nur über den Kontrollverlust unserer Daten, den wir längst erlitten haben, er hat seine Gedanken auch in einem lesenswerten Buch zusammengefasst. Vielleicht geht der Autor in dem einen oder anderem Punkt zu weit (braucht es wirklich eine eigene, neue digitale Lizenz für das Buch, wird die Query-Metapher nicht etwas überstrapaziert,…), aber gemessen an der medientheoritisch fundierten Auseinandersetzung mit dem Thema, sind das belanglose Details.

Zunächst belegt Seemann den Kontrollverlust:

„Wir haben die Kontrolle über die Daten […] auf dreifache Weise verloren: Wir wissen nicht mehr, welche Daten zu welcher Zeit erhoben werden können, weil die ganze Welt durch die allgegenwärtige Verbreitung von Sensoren digitalisiert wird. Wir bestimmen nicht selbst, was mit diesen Daten geschieht, wo sie gespeichert werden, wo sie hinkopiert werden, wer darauf Zugriff hat. Und wir können nicht ermessen, welche Dinge diese Daten potenziell aussagen. Kurz: Daten, von denen wir nicht wussten, dass es sie gibt, finden Wege, die nicht vorgesehen waren, und offenbaren Dinge, auf die wir nie gekommen wären.“

Im zweiten Teil versucht er Strategien zu entwickeln mit denen wir uns dem faktisch bereits eingetretenen Kontrollverlust stellen können, denn ein Lamentieren nützt uns nichts und auch das Hoffen auf den Staat oder andere Institutionen ist so naiv wie hoffnungslos in unserer globalisierten digitalen Welt.

Als Strategien für den Umgang mit dem Kontrollverlust stellt er 10 Regeln auf:

  • Es gilt das Neue – Wir müssen Lernen, das Alte zu Verlernen und die neuen Spielregeln annehmen.
  • Du kannst das Spiel nicht gegen den Kontrollverlust spielen – Eine Kontrolle von Datenströmen ist faktisch längst nicht mehr möglich, also dürfen wir uns auch nicht dieser Illusion hingeben.
  • Die Überwachung ist Teil des Spiels – Überwachung wird noch mehr zunehmen. Wir können das nicht verhindern, sondern lediglich versuchen, die Wirkung von Überwachung zu schwächen.
  • Wissen ist, die richtige Frage zu stellen – Die Wissensspeicherung verliert an Bedeutung, der Abruf von Wissen wird hingegen zur neuen Königsdisziplin.
  • Organisation und Streit für alle! – Die „positive“ Seite des Kontrollverlustes ist es, dass Transparenz und Vernetzung für alle offen stehen.
  • Du bist die Freiheit des Anderen – Die gesellschaftlichen Kommunikationsstrukturen haben sich geändert – hin zu einer End-to-End-Beziehung der einzelnen Teilnehmer. Die Daten gehören schließlich beiden Enden der Kommunikation.
  • Macht hat, wer die Plattform kontrolliert – Plattformen sind neue, machtvolle Akteure.
  • Staaten sind Teil des Problems, nicht der Lösung – Denn auch die Staaten sind „Opfer“ des Kontrollverlustes, haben z.B. beim Datenschutz längst den Bankrott erreicht.
  • Datenkontrolle schafft Herrschaft – Etwas paradox, denn Datenkontrolle ist ja faktisch nicht wirklich möglich, aber dort, wo man es versucht steigt die Macht der Plattformen. „Datenkontrolle zwingt zur zentralisierten Kontrolle und schwächt somit die Zivilgesellschaft.“
  • Der Endgegner sind wir selbst – Noch bevor die Geheimdienste etwas über uns herausgefunden haben, haben wir es längst selbst (oder jemand anderes für uns) auf Facebook & Co eingestellt oder es mit einer Videoüberwachung gefilmt. Wir müssen uns unserer Verantwortung annehmen.

Michael Seemann ist kein wirrer Verschwörungstheoretiker, er ist auch kein Snowden/NSA-Trittbrettfahrer. Er hat lediglich versucht ein intelligentes Fazit aus dem Thema seines Blogs und seiner Auseinandersetzung mit dem Thema Kontrollverlust zu ziehen. Natürlich kann man über Details streiten, aber eins macht die Lektüre allemal klar: Wir müssen uns dem Thema stellen, denn dieser gesellschaftliche Veränderungsprozess ist bereits weiter fortgeschritten als wir uns vorstellen können und es gibt kein zurück. Wir müssen lernen, uns in diesem veränderten Umfeld einer digitalen Welt zu bewegen und uns den neuen Herausforderungen widmen. In diesem Sinne: Eine klare Leseempfehlung!



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