Archiv der Kategorie ‘Ziele‘

 
 

#663 Der Compliance Reflex

Die Abwehrreflexe (deutscher) Großunternehmen sind absehbar und (leider) überschaubar. Da hat man – wie aktuell VW – einen Skandal an der Backe und dann beruft man ein juristisches Vorstandsmandat und dann baut man eine Compliance-Organisation auf und entwickelt dabei eine Misstrauenskultur gepaart mit Absicherungsdenken statt Verantwortungsbewusstsein. Getrieben von einer gigantomanischen Bürokratie (die sich so bei VW noch gar nicht abzeichnet, die aber so sicher kommen wird, wie das Amen in der Kirche).
Die Ersten haben es schon kapiert und die Kommunen der VW-Metropolen wie Wolfsburg und Ingolstadt haben Haushaltssperren angekündigt. Panik unter den bisherigen Speichelleckern. Die Fußball-Bundesliga, in der fast jeder Verein sich zumindest lokal vom Konzern oder dessen Vertriebspartnern sponsern lässt, wird sich noch umschauen.
Man könnte ja auch aus einem Scheitern lernen. Und vielleicht rettet die neue Sparpolitik den VW-Konzern von der asiatischen Gigantomanie, die früher oder später eh geplatzt wäre. Wünschen würde man sich aber eine Vertrauenskultur. Eine Abkehr von schwachsinnigen formalen Zielsystemen. Der Welt größte Automobilkonzern zu sein ist kein erstrebenswertes Ziel, sondern als Ziel lediglich Ausdruck von Größenwahnsinn (übrigens nicht nur der eines Vorstandsvorsitzenden, sondern nicht minder der des Aufsichtrats oder der, der Aktionäre). Nachhaltig der Profitabeltse in der Branche zu sein, das wäre akzeptabel, aber zwischen Alpha-Tieren gibt es in Alpha-Organisationen (der Begriff stammt von Niels Pfläging) andere Prioritäten. Und jetzt müssen einige den Preis dafür bezahlen.
Und an vorderster Front beteiligt ist der deutsche Steuerzahler. Ganz abgesehen von indirekten Begünstigungen, hat der Staat als Unternehmer (VW-Gesetz & Niedersachesen als Aktionär) mal wieder eine Total-Kapitualation hingelegt. Na denn, prost!

#601 Gelesen: Logik des Mißlingens

Dietrich Dörner, Die Logik des Misslingens, Strategisches Denken in komplexen Situationen, 11. Auflage, Hamburg 2012, ISBN-13: 978-3-499-61578-8

Strategien für den Umgang mit komplexen Situationen hört sich wie ein Patentrezept für Projektarbeiter an. So trivial ist es aber nicht. Dörner identifiziert eher aus einer psychologischen Warte mögliche Handlungsoptionen und typische Fehler, das Ganze durchaus fundiert aus der Beobachtung von unzähligen Planspielen und Experimenten, aber auch aus der Analyse historischer Situationen wie dem Atomunfall in Tschernobyl.

Einen Schönheitsfehler hat  die Betrachtung allerdings: Dis Schlussfolgerungen werden nicht aus komplexen Situationen, sondern aus komplizierten gezogen. Planspiele haben feste Regeln, Operations Research hat eine vollständige Modellbildung der Welt, a posteriori lässt sich die Welt erklären – aber gerade das alles haben wir in komplexen Situationen ja nicht. Vielleicht ist diese Unsauberkeit im Umgang mit dem Komplexitätsbegriff auch dem ursprünglichen Erscheinungsdatum (1989) geschuldet. Nichtsdestotrotz sind die Darlegungen auch für komplexe Situationen hilfreich und fundiert.

Als eher erfolgversprechenden Handlungsoptionen nennt Dörner u.a.:

  • Arbeitshypothesen permanent hinterfragen und prüfen
  • Hohes Maß an Selbstorganisation und Strukturierung, Fähigkeit zur Selbstkritik
  • Dekomposition komplexer Situationen
  • Balance & Kompromiss
  • Umgestaltung des Systems (um negative Zielkonflikte und Abhängigkeiten aufzulösen)
  • Zielkonkretisierung
  • „Reperaturdienstverhalten“/Muddling-Through – Auch wenn Dörner die Gefahren eines solchen Verhaltens sieht (siehe unten): Behebung von Missständen ist die bessere Alternative zum Gar nichts tun.
  • Anpassung an wandelnde Kontexte/Kontextspezifisches Verhalten
  • Institutionelle Trennung von Informationssammlung und Entscheidung
  • Vorausschau zukünftiger Szenarios
  • Vorwärts- und Rückwärtsplanung
  • Strategien zur Suchraumeinengung:

o Heurismen
o Hill Climbing (nur solche Aktionen in Betracht ziehen, die einen Fortschritt in Richtung auf das Ziel versprechen mit der Gefahr auf einem Nebengipfel zu landen statt am eigentlichen Ziel)
o Zwischenzieleo    Effizienz-Divergenz, d.h. Situationen anstreben, die möglichst viele Handlungsoptionen mit relativ hoher Erfolgswahrscheinlichkeit offen lassen
o Frequency-Gambling (Was hat in der Vergangenheit funktioniert?)

  • Strategien zur Suchraumerweiterung:

o Freies Probieren (Trial & Error)
o Ausfällen des gemeinsamen nach Duncker (Welche Gemeinsamkeiten haben die bislang erfolglosen Lösungsversuche?)
o Analogieschlüsse

  • Wechselspiel von Suchraumeinengung und Suchraumerweiterung

 

Tendenziell zu fehlerhaftem Verhalten/Misserfolg verleitet hingegen:

  • Arbeitshypothesen werden als wahr hingenommen und nicht weiter hinterfragt.
  • Sprunghafter Themenwechsel, Aktionismus, Ablenkung
  • Übersteuerung
  • Gruppendenke/Groupthink (nach Janis)
  • „Reperaturdienstverhalten“/Muddling-Through (Konzentration auf die Behebung isolierter Missstände, wobei die Vorstellung des eigentlich angestrebten Zielzustandes auf er Strecke bleibt)
  • Überbetonung des aktuellen Motivs
  • Informationelle Überlastung
  • Similarity Matching (Tendenz, eher auf Ähnlichkeiten als auf Unterschiede zu reagieren)
  • Schematisierungen und Reglementierungen
  • Nichtberücksichtigung von Friktionen („Unvorhersehbarkeiten“)

Alles in allem eine empfehlenswerte Lektüre und bemerkenswert auch: Welches deutschsprachige Buch zu einem abstrakten, wissenschaftlichen Thema kann schon auf so viele Auflagen verweisen?

#545 Ziele sind altbacken

Stefan List  setzt sich passend zum neuen Jahr kritisch mit dem Thema Ziele auseinander.

Der Begriff Ziele klingt heutezutage mitunter etwas altbacken und wird sicher oft überstrapaziert. Zielvereinbarungsprozesse in Unternehmen sind häufig zu formalen Pflichtaufgaben verkommen, die nur proforma bedient werden.

Die Auseinandersetzung mit Zielen hat aber vor allem auch  mit Werten und Orientierung zu tun.

Und wir dürfen im Umgang mit Zielen auch nicht den gesunden Menschenverstand vergessen. Wir sollten Ziele nicht sklavisch verfolgen und uns und unsere Ziele regelmäßig hinterfragen.

#529 Ziele

Marcus Raitner philosophiert auf /misc über „Lebensführung statt Selbstmanagement“ und setzt sich dabei auch kritisch mit der persönlichen Anwendung eines management by objectives auseinander.

In meiner Antwort habe ich mein eigenes System kurz skizziert.

Es wird Zeit, dass auch auf schlossBlog Ziele stärker thematisiert werden.