#676 Die Powerpoint-Überforderung (Teil 1)

Sie ist allgegenwärtig – Die Powerpoint-Überforderung oder treffender noch: Die Überforderung durch den Medieneinsatz. Die Kombination aus technischen Möglichkeiten/Werkzeugen, Informationsflut und diffusen Erwartungshaltungen wütet Tag für Tag in unseren Unternehmen, Schulen und Universitäten. Und nicht nur die Vortragenden sind überfordert, sondern auch die Lehrenden.

Powerpoint ist heute zutage ganz wichtig! Das müsst ihr lernen – am besten schon in der Schule!

In Hause Schloß erhält gerade die next generation Powerpoint Einzug. Sohnemann kam mit einer Aufgabe heim: Referat mit Powerpoint-Präsentation.

Problem 1: Das mit der Medienkompetenz

Eigentlich müsste die Aufgabenstellung heißen: Referat mit Medieneinsatz. Powerpoint ist nur ein Medium und bei einem Referat sollte bewusst über den Medieneinsatz entschieden werden. Auch der Verzicht auf einen Medieneinsatz ist dabei eine legitime (wenn auch längst aus der Mode gekommene) Alternative – und stellt um so höhere Anforderungen an andere Aspekte des Vortrags. Warum nicht auch Demonstrationsobjekte, Flipcharts, Plakate, Versuche einsetzen, um ein Thema im wörtlichsten Sinne „begreifbar“ zu machen, das gibt die Aufgabenstellung aber nicht her.

Problem 2: Wozu dient mein Medieneinsatz?

Schwierig an obiger Aufgabenstellung ist die fehlende Konkretisierung, was mit dem Einsatz von Powerpoint erreicht werden soll. Soll sie das Referat vollständig dokumentieren, unterstützen oder ergänzen? Die Vermischung dieser Ebenen führt im Unternehmensalltag häufig zur Produktion von „Slideuments“. Kommunikationsprofis wie Garr Reynolds oder Nancy Duarte verstehen darunter Folien (Englisch: slides) die nicht für eine Präsentation aufgebaut sind sondern als Dokumente (documents). Natürlich ist auch die Verwendung von Slideuments völlig in Ordnung, aber als Dokumente und nicht als Präsentation. Man sollte sich ihrer Wirkung und ihrer Einschränkungen bewusst sein. Der Inhalt der Slideuments lenkt vom Referenten ab. Der Rezipient ist mit dem Lesen der Folien beschäftigt, statt sich mit den Aussagen des Referenten auseinanderzusetzen. Der Referent beraubt sich selbst der Aufmerksamkeit seiner Zuhörer. Ich mag Slideuments zur Dokumentation, als Arbeitswerkzeuge, aber nicht in Präsentationen! Slideuments sind keine guten Präsentationen.

Problem 3: Die Krux mit den Vorgaben

Wie heißt es so schön: Das Gegenteil von gut ist gut gemeint. Positiv überrascht, weil leider nicht selbstverständlich, war ich von Sohnemanns Vorgaben: Nur Schriftgrößen größer/gleich 32pt (damit auch noch die Mitschüler in der letzten Reihe alles lesen können) und keine Aufzählungen mit mehr als 5 Punkten verwenden (da gab es doch was in der Wahrnehmungspsychologie, dass wir nur 5+/-2 Informationseinheiten („chunks“) verarbeiten können).

Aber halt! Mit diesen Vorgaben sind wir schon mitten in der Slideument-Falle. Und dann noch: Keine Folie ohne Überschrift! Folien müssen Inhalte transportieren. Müssen sie? Nein, müssen sie nicht. Präsentationsfolien sollen Inhalte unterstützen, aber nicht selbst transportieren. Wer hat schon eine Dia-Show mit Überschriften gesehen? Ich meine mit Überschriften auf jedem einzelnen Bild? In Powerpoint-Präsentationen nehmen wir diesen Wahnsinn aber widerspruchslos hin.

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Ich mag Powerpoint. Was ich kritisiere ist, wie wir allzu oft Powerpoint einsetzen (und ich nehme mich selbst da nicht aus). Da kommt wieder der alte Spruch: A fool with a tool is still a fool.

Die Krux mit den Vorgaben lässt sich noch weiter treiben: Seitenzahl, Autor, Fortschrittsanzeige, Dateiname samt Pfad auf jede Folie. Bitte noch das Firmenlogo (insbesondere bei internen Präsentationen ganz besonders wichtig, damit auch jeder Zuhörer weiß, bei welcher Firma er angestellt ist. Zur besseren Identifikation mit dem eigenen Laden bitte auchu noch das Corporate Design beachten. Einen Vertraulichkeitsvermerk brauchen wir noch, weil wir verwenden ja Slideuments und da muss ja jeder wissen, wie er mit Ausdrucken umzugehen hat.

Die Kollegen von der Konzernkommunikation haben es uns auch einfach gemacht und die Vorgaben für unsere Präsentationen in einer Vorlage zusammengefasst. Da gibt es dann nicht nur frei verwendbare Marketing-Fotos, abgestimmte Farb-Paletten und Layout-Vorlagen und vieles mehr. Die Verwendung eines Bildes ohne all das ist komischerweise nie vorgesehen. Dafür haben wir dann austauschbare beliebige Diagramme, beliebige Folien. Kein Wunder, dass viele Foliendecks gleich aussehen – ganz unabhängig vom Thema. Deshalb funktioniert wohl auch Powerpoint-Karaoke so gut…

Dürfen wir uns überhaupt über Vorgaben hinwegsetzen?

Zitat Sohnemann: „Das geht nicht, das sind jetzt 6 Spiegelstriche. Erlaubt sind nur 5.“

Der Inhalt muss anscheinend der Form folgen.

Manchmal challenge ich den Junior mit der Frage, was willst du mir mit dieser Folie sagen. Die Frage ist gemein uns hat ihm geholfen den einen oder anderen logischen Fehler selbst zu erkennen.

Aber leider ist die Frage auch wieder falsch – wegen Slideument-Falle und so.

Richtig wäre die Frage: Was willst du mit dieser Folie bewirken?

Nur diese Frage wird allzu selten gestellt.


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